Archiv der Kategorie: Literaturszene

Aktuelles aus den Schreibstübchen der anderen

Die Sonne ist eine Frau

Noch ein Beitrag zur Gendern-Debatte

Sprache ist ein Kommunikationsmittel. Zuweilen Gesten und Mimik ergänzend oder selbst um diese ergänzt, soll sie (Sprache ist weiblich?) dazu dienen, unsere Gedanken und Gefühle anderen zu vermitteln, was, technisch betrachtet, nahezu völlig unmöglich ist und bestenfalls annähernd gelingen kann. Wer je versucht hat, die unfassbare Trauer und alle damit einhergehenden Gedanken und Gefühle nach einem schlimmen Verlust in Worte zu fassen, weiß, dass Sprache unzulänglich ist, ein eher schwaches Hilfsmittel, aber das beste, das uns bislang zur Verfügung steht. Eigentlich aber weiß das jeder Mensch. Und es gilt auch im umgekehrten Fall des wahnwitzigen Glücks, wenn man so große, vertraute, umfassende Nähe zu jemandem empfindet, und in vielen anderen, ganz alltäglichen Fällen, genau genommen aber: andauernd. Diese Schnittstelle zwischen uns Menschen, die die Sprache bildet, ist alles andere als perfekt, sie ist oberflächlich und vereinfachend, und je komplizierter Sachverhalte sind, je mehr man in möglichst wenigen Worten sagen will oder muss, umso schwieriger wird es, aber manchmal sind es auch ganz simple Dinge, die sich kaum ausdrücken lassen. Etwa dieses Gefühl, wenn man einen langen Schluck eiskaltes, kristallklares, leicht sprudelndes Wasser trinken konnte, nachdem man großen Durst hatte. Jeder kann sich dieses Gefühl vorstellen, aber formulieren lässt es sich nicht. Umgekehrt kann man in einfachen Worten manchmal sehr viel sagen. Und gelegentlich zu viel.

 

Das Gute: Alle Beteiligten wissen das, denn wir alle nutzen dieselbe Sprache. Wir wissen auch, dass unser Lächeln nie ganz genau so ist, wie das Gefühl, das wir dabei empfinden, und wir wissen auch, dass unser Gegenüber möglicherweise nicht exakt einschätzen kann, was es zu bedeuten hat. Diese Unzulänglichkeit im Umgang miteinander ist Bestandteil unseres Daseins, sie ist Quelle eines Erfahrungsschatzes, sie ist manchmal sogar Werkzeug, sie lässt Interpretationen zu und, ja, Missverständnisse, sie hat subtile Zwischentöne und bietet ganz viel Raum für Kreativität und Phantasie. Wäre Sprache perfekt, müssten Schriftsteller nicht andauernd dieselben Geschichten in unterschiedlichen Worten erzählen, denn genau das tun sie, tagein, tagaus. Es gäbe höchstens zwanzig, dreißig Bücher, weil in ihnen alles gesagt wäre.

 

Ich kenne alle Argumente für das Gendern, und ein paar davon sind schlüssig. Und auch wenn ich nicht davon überzeugt bin, dass dies der richtige Weg zu einem fraglos guten Ziel ist, wird allein die Debatte darüber, wird der Diskurs (jedenfalls, wo er möglich ist und nicht unserer – derzeit stetig wachsenden – Neigung, zu fraktionieren und zu separieren, uns jederzeit klar zwischen Zustimmung und Ablehnung zu entscheiden, zum Opfer fällt) zur Folge haben, dass wir uns mehr Gedanken über nach wie vor bestehende Ungerechtigkeiten machen, gegen sie angehen und sie – möglichst gemeinsam – beseitigen.

Wir müssen endlich damit aufhören, unsere Unterschiedlichkeiten als Qualitätsmerkmale zu begreifen.

Das ist der Kern aller Problematiken, und das gilt in alle Richtungen. Es ist unfassbar und schwer zu ertragen, was vielen Menschen angetan wurde und wird, aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihres Glaubens oder Unglaubens, ihres Aussehens, ihrer körperlichen oder geistigen Fähigkeiten, ihrer sexuellen Neigungen, ihrer ethischen Vorstellungen, ihrer politischen Überzeugungen und aus vielen anderen Gründen. All dem liegt die Annahme zugrunde, absichtlich oder oktroyiert oder unbewusst, dass diese Merkmale etwas mit Wertigkeit zu tun haben. Aber der Umstand, dass es Ungleichbehandlungen oder sogar Misshandlungen aus solchen Gründen gibt oder gab, erhebt Betroffene nicht über alle anderen Menschen. Und übrigens gibt es Zwischentöne der Diskriminierung, zuweilen sogar ziemlich laute, denen sehr, sehr viele Menschen ausgesetzt sind oder werden, ohne dass sie sich je einer vermeintlich marginalisierten Community zugehörig fühlen oder fühlen wollen (oder es eine solche überhaupt gäbe). Und ebenfalls übrigens sind nicht wenige Menschen, die diskriminiert wurden oder werden, die misshandelt oder missachtet oder benachteiligt wurden oder werden, selbst in der einen oder anderen Weise mit ihrer eigenen Unfähigkeit konfrontiert, sich dem verlockenden Gefühl, anderen überlegen zu sein oder sich so zu verhalten, zu widersetzen.

 

Was hat das mit Sprache zu tun? Nun, die Behauptung, dass die Sprache nicht nur Werkzeug der Diskriminierung ist, was zweifelsohne zutrifft, genauso, wie sie Werkzeug der Erhebung, Preisung und des Lobes sein kann, sondern dass sie selbst bereits diskriminiert, dass sich also das Instrument sozusagen verselbständigt hat (oder so intendiert war) und ohne Anwendung durch Menschen Diskriminierung ausübt, diese Behauptung steht im Raum und führt derzeit an vielen Orten – freiwillig oder auf mehr oder weniger sanften Druck einer gut organisierten „Öffentlichkeit“ – dazu, dass gegendert wird und dass Partizipkonstruktionen angewendet werden, was nur der Anfang ist. Einfach gesagt: Die Annahme, beispielsweise Frauen wären nur „mitgemeint“, wenn ein Substantiv verwendet wird, dessen Singular im generischen Maskulin steht und diesem entspricht (der Mensch), gilt sozusagen als beschlossene Sache. Wenn ich also von Lesern spreche, von Abonnenten und Kunden, dann rede ich, so diese Annahme, in der Hauptsache von Männern, und ich meine Frauen oder Menschen, deren biologisches Geschlecht uneindeutig oder überhaupt nicht vorhanden oder im Wandel ist oder die sich ihres Geschlechts nicht sicher sind oder sein wollen, höchstens etwas herablassend, sozusagen als Minderheit, als geringer geschätztes Anhängsel mit, während ich aber in der Hauptsache von Männern rede. Diese (hier sehr verkürzt wiedergegebene) Annahme ist das Axiom, das hinter sämtlichen Bemühungen steht, die Sprache selbst gerechter zu gestalten, und bedauerlicherweise wird es inzwischen von nicht wenigen der Einfachheit halber als wahr angenommen. Wir streiten kaum mehr über solche Grundsatzfragen; die überwiegend sehr akademische Diskussion, die übrigens einen Großteil der Bevölkerung aktiv wie passiv ausschließt und dies nach meinem Dafürhalten in voller Absicht tut, hat sich längst hiervon entfernt.

 

Aber ich meine Frauen nicht etwas herablassend mit, wenn ich von „meinen“ Lesern spreche. Mir ist das Geschlecht meiner Leser völlig egal, und wenn ich einen Satz wie „Meine Leser mögen offensichtlich die Art und Weise, wie ich mit Sprache umgehe“ schreibe, sehe ich weder hängendes Gekröse vor mir, noch vermisse ich auf irgendeinem Bild Geschlechtsmerkmale anderer Art. Ich sehe überhaupt kein Bild von einzelnen Menschen (obwohl ich mir natürlich mehr Leser wünsche) – ich verwende einen Oberbegriff. Der alle Geschlechter einschließt, und überhaupt alle körperlichen Merkmale, und sämtliche Ethnien und Glaubensrichtungen und sexuellen Orientierungen und was weiß ich noch alles. Ich habe kein Bedürfnis, das zu präzisieren, ich muss kein Binnen-I und kein Gendersternchen verwenden, um Frauen zu signalisieren, dass sie auch meine Leser sind, denn das wissen sie selbst, denn sie sind mit dem Oberbegriff nicht mitgemeint, sondern gemeint. Es gibt keine Notwendigkeit, hier etwas explizit zu nennen, das längst Bestandteil ist. Und zwar nicht als Minderheit, als qualitativ niederwertige Gruppe darin, als marginalisiertes Anhängsel, sondern als abstrakte Person ohne Geschlecht, ohne Neigungen, ohne als Qualitätsmerkmal missverstandene Eigenschaft, als irgendwas. Leser, das sind (beliebige, irgendwelche, alle) Menschen, die Bücher lesen.

 

Ja, ich kenne die Beispiele. „Von zwei Ärzten war einer schwanger“, aber – wer sagt denn sowas? Genausowenig erklärt man: „Von zehn Kund*innen haben zwei ihre Penisse verletzt, als sie mit dem Staubsauger zu masturbieren versuchten“. Wo Verkürzungen und abstrakte Begriffe Sinn haben, wendet man sie an, und wo man präziser werden muss oder sein möchte (!) und wo man von konkreten Personen spricht, formuliert man anders, gerne auch ausführlicher. Aber es gibt keine Notwendigkeit, immerzu „mitzuerwähnen“, dass Leser oder Soldaten oder Politiker oder Soziologen oder Kandidaten oder Wähler auch weiblich sein können, oder nichtbinär, oder dick oder dünn oder idealgewichtig oder blond oder braunhaarig oder glatzköpfig oder erkrankt oder gesund oder gottesfürchtig oder atheistisch oder klug oder minder intelligent oder groß oder klein oder alt oder jung oder fortschrittlich oder konservativ oder politisch uninteressiert oder reaktionär oder fit oder schlapp oder oder oder oder oder. Es ist deshalb nicht notwendig, es mitzuerwähnen, weil es enthalten ist. Das Axiom ist falsch. Es ist nicht erkennbar enthalten, das Wort bringt all dies nicht in einer Weise zum Ausdruck, die einen daran denken lässt, wie vielschichtig und vielfältig unser Menschsein ist, aber das ist auch nicht seine Aufgabe. Und hier liegt das Missverständnis. (Und darin, aber das wollte ich mir eigentlich ersparen, weil es schon häufig genug erwähnt wurde, dass Genus und Sexus nicht dasselbe sind.)

 

Ich weiß nicht, ob es Männer gibt, die wütend zum sonnenbeschienenen Himmel schauen, weil der größte Körper in unserem System mit einem weiblichen Artikel versehen ist, während dieses kleine Kügelchen Geröll, das die weibliche Erde umkreist, generisch männlich sein darf. Ich denke, die meisten Menschen werden sich einfach überhaupt keine Gedanken darüber machen, und sie werden auch keine Wertung vornehmen: Ah, die Sonne ist besser, weil sie weiblich ist, aber der Mond ist scheiße, das ist nur ein Mann, sogar ein alter und grauer. Wir wissen, dass es drei Artikel in der deutschen Sprache gibt, und wir wenden sie an, wie wir viele Begriffe anwenden und damit in der Anwendung etwas meinen, und das ist bei denselben Worten selten immer das gleiche. Es ist uns unmöglich, das, was wir meinen, präzise in den Köpfen ankommen zu lassen, die auf den Körpern derjenigen Menschen sitzen, die unsere Äußerungen zur Kenntnis nehmen müssen.

 

Wir müssen ohne Zweifel viel achtsamer im Umgang miteinander sein, wir müssen anerkennen, dass es Menschen gibt, die die Geschichte geprägt haben, und andere, die dabei außenvor gelassen wurden (und dass es gegenwärtige Menschen gibt, für die beides nicht gilt). Wir müssen aber auch unsere Unzulänglichkeiten akzeptieren, und die Tatsache, dass sie durch Gruppendenken verstärkt werden. Wir müssen Meinungen respektieren und weiter, nein, wieder differenzieren. Wir müssen dem gerechten Zorn begegnen und dabei helfen, ihn in sinnvoller Weise zu kanalisieren, aber wir dürfen uns nicht massakrieren, auch nicht auf Nebenschauplätzen, wie der Sprache, die niemals gerecht sein kann, weil das keine Eigenschaft eines Werkzeugs ist, sondern eine Eigenschaft derjenigen, die ein Werkzeug anwenden.

 

Wenn Menschen das Bedürfnis haben, auf die Tatsache hinzuweisen, dass die Welt nicht gerecht ist, indem sie eine besondere Sprache verwenden, dann verdient das Anerkennung und Respekt. Respekt verdient aber auch die Entscheidung, diesen Weg nicht zu gehen, sondern einen anderen zu wählen, der möglicherweise – niemand weiß das – sogar schneller und gerechter zum Ziel führt. Oder sich für einen all der möglichen Zwischentöne zu entscheiden, hin und wieder einen längeren Satz zu sagen oder zu schreiben, ohne dazu erpresst worden zu sein, und ansonsten dort, wo es möglich ist, dabei mitzuhelfen, dass wir alle besser miteinander zurechtkommen.

Lest die Wahrheit!

Endlich ist es geschafft – mein Heimatroman „Die Wahrheit über Metting“ ist seit dem 13.10.2020 im Handel erhältlich, und zusätzlich als ElektrobuDie Wahrheit über Mettingch und zum Hören, gelesen von Martin Bross (aber leider nur bei Audible als Download verfügbar). Parallel zum Verfügbarkeitstermin ist eine Leserunde bei „Lovelybooks“ gestartet – und am 20. Oktober geht es in gleicher Sache in meinem Lieblings-Bücherforum „Büchereule“ los. Da, dort oder anderswo – lest mein neues Buch, und sagt mir, wie es Euch gefällt!

Danke und viel Spaß (und: bleibt gesund)!

Herzlich,
Tom

Die Wahrheit muss noch bis zum Herbst warten

Es hat dieses Mal ein bisschen länger gedauert, und aufgrund der unerwarteten Umstände dauert es leider noch ein wenig länger. Eigentlich war mein elfter Roman „Die Wahrheit über Metting“ für Ende Mai 2020 zur Veröffentlichung geplant. Weil aber in diesem Jahr vieles ganz anders ist, musste der Roman auf den Herbst verschoben werden, obwohl er längst fertig ist. Der offizielle Erscheinungstermin ist nunmehr der 13. Oktober 2020. Ab diesem Tag könnt Ihr, wenn Ihr wollt – was mDie Wahrheit über Mettingich sehr, sehr freuen würde – alles darüber erfahren, wie Tomás Lebesanft in den späten Siebzigern im niedersächsischen Metting groß wird, und zwar im „Alten- und Pflegeheim Horizont“ in Metting-Hasenhügel, einem Randbezirk der (von mir erfundenen) Kleinstadt. Ihr könnt dann auch Marieluise Benedickt kennenlernen, Toms erste Freundin, oder Josefa, seine griechische Landschildkröte, und außerdem seinen besten Freund Filip aus Metting-Zeck. Und Toms etwas eigenartige Eltern – und die anderen Bewohner des Pflegeheims. Aber das ist nur der Anfang der Geschichte …

Auf die Ihr, wie erwähnt, nun leider noch ein paar Monate warten müsst. Ich hoffe sehr, dass wir alle diese Zeit gut überstehen. Bleibt gesund!

Herzlich,
Euer Tom

P.S.: Wenn Ihr auf die Cover meiner Bücher klickt, kommt Ihr nicht, wie Ihr das möglicherweise gewöhnt seid, auf eine Amazon-Bestellseite. Ihr landet stattdessen im Autorenwelt-Buchshop. Die Bücher, die Ihr dort bestellt – und das Sortiment ist umfassend -, liefert Euch libri nach Hause, aber der Shop hat eine Besonderheit: Vom Buchpreis geht ein kleiner Prozentsatz direkt an die Autoren, die sich dort registriert haben*. Wir bekommen nämlich von jedem verkauften Buch normalerweise nur ein paar Cent, ganz unabhängig davon, wo es gekauft wird, und gerade Autoren, die keine Bestseller haben, verdienen auf diese Weise erschütternd wenig Geld. Wenn Ihr also dort bestellt – und genauso schnell Eure Lieferungen bekommt wie sonst auch -, tut Ihr etwas Gutes. Nicht nur für mich. (* und bei Büchern von Autoren, die sich nicht registriert haben, geht der Beitrag an Autorenvereinigungen)

Zehn.

Heiliges Huhn. Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen, als ich im Chefbüro des Verlags saß und Hände schüttelte, um das Schicksal meines ersten Romans zu besiegeln. Nein, es war nicht gestern, sondern vor mehr als dreizehn Jahren. Ungefähr gestern (plusminus drei, vier Tage) kam das Paket mit den Belegexemplaren meines zehnten Romans. Ab dem 21. Oktober 2016 ist er im gepflegten Handel erhältlich, als edel ausgestattete Klappbroschur: LANDEIER.

Zeit, mit ein paar Traditionen zu brechen, aber nicht mit allen. In „Landeier“ gibt es gleich zwei Ich-Erzähler. Der gescheiterte Großstadtjournalist Sebastian Kunze ist, wenn man so will, eine negative Hauptfigur, seine Frau Melanie, Erzähler Nummer zwei, möglicherweise eine positive. Das Buch spielt im herrlichen Spreewald, diesem pittoresken, sehens- und besuchenswerten Gurkenacker Gebiet südöstlich von Berlin. (Spaß beiseite. Ist wirklich schön da, und die Leute sind auch schrecklich nett.)

Hier die offizielle Inhaltsangabe:

Es ist das Paradies.
Es ist die Hölle.
Man nennt es Landleben.

Sebastian Kunze ist als Großstadtjournalist gescheitert. Er landet mit Frau und Tochter in der brandenburgischen Provinz, denn Melanie ist Psychotherapeutin, und auf dem Land gibt es, was sie braucht: Einen Kassensitz und therapiebedürftige Menschen. Doch die ländliche Realität zwischen Gurkenständen und Landgaststätten hält für das Paar einige Überraschungen bereit. Melanie traut sich bald kaum mehr auf die Straße – wegen all der «Bescheuerten». Sebastian hingegen lernt die Überschaubarkeit des neuen Lebens zu schätzen …

Lest selbst! Und: Viel Spaß dabei! Vielleicht sehen wir uns bei einer Lesung.

Über eBooks

Seit ein paar Wochen tobt ein Streit im Netz, von dem „normale“ Leser möglicherweise kaum etwas mitbekommen haben. Ein Buchgestalter, der u.a. für den Suhrkamp-Verlag tätig ist, hat im Blog des Verlags einen überwiegend satirischen Text veröffentlicht, in dem er mit digitalen oder digitalisierten Romanen, gemeinhin „eBooks“ genannt, konsequent abrechnet. Der Mann, dessen Namen zuvor höchstens Brancheninsider kannten, ist in einigen Schriftsteller- und Verlagskreisen binnen kurzer Zeit zum Synonym für Technikfeindlichkeit, Rückschrittlichkeit, gar Dinosauriertum geworden. Dabei sagt er in diesem Text eigentlich nur: Ich mag eBooks nicht. Sie sind doof und hässlich, zudem sind sie mit vielen Nachteilen behaftet – und sie zerstören etwas. Ich lese lieber richtige Bücher. Ich mache lieber richtige Bücher. Der Autor hat das ziemlich eloquent und bissig getan; der Text ist wirklich lesenswert.

Vor allem in Kreisen, die den vermeintlichen Siegeszug des Elektrobuchs begrüßen und aktiv zu nutzen versuchen, hat diese Wortmeldung für einige Aufregung gesorgt. So genannte „Selbstveröffentlicher“ (neudeutsch „Selfpublisher“, das sind Autoren, die Bücher in Eigenregie publizieren) und eBook-Verlage reagierten spöttisch, zuweilen beleidigend, in fast allen Fällen aber mindestens energisch ablehnend. Was genau genommen wenig verwundert. Nicht wenige Menschen sahen sich sogar genötigt, in Blogs, bei Facebook und sonstwo seitenlange Gegenreden zu veröffentlichen, begleitet von Applaus und sarkastischen Kommentaren, die allesamt ins gleiche Horn bliesen: Das eBook ist die Zukunft, und wer etwas anderes sagt, hat mindestens keine Ahnung. Eigentlich sollte sich derjenige lieber gleich ein Grab schaufeln, idealerweise in direkter Nachbarschaft zu der Stelle, an der gedruckte Bücher begraben (sein) werden.

 

Wer Bücher einfach nur liest, den mag diese Diskussion kaum interessieren.  Tatsächlich ist sie nicht durch den oben genannten Beitrag ausgelöst worden. Das eBook ist nicht nur für die Leser eine Innovation, sondern auch und vor allem für Autoren – und ganz besonders für jene Autoren, die nicht bei Verlagen veröffentlichen können oder wollen, die das Verlagswesen für verkrustet und wenig zukunftsfähig halten. Das bereits erwähnte „Selfpublishing“, also die Veröffentlichung von Texten ohne Einbeziehung eines klassischen Verlags, boomt durch dieses Medium, denn es kostet fast nichts, Romane und Kurzgeschichten in eBook-Formaten zu publizieren, was zudem sehr viel schneller geht als der „herkömmliche“ Weg, bei dem es manchmal zwischen Manuskriptherstellung und Veröffentlichung ein, zwei Jahre, in einigen Fällen noch länger dauern kann. Bei meinem letzten Roman waren es zehn Monate.

Das Medium ist übrigens prinzipiell so neu auch wieder nicht, denn Texte auf Computern zu erstellen und zu lesen, das gehörte fast zu den ersten Dingen, die man mit Rechnern machen konnte. Aber die leichtgewichtigen eBook-Reader mit ihren energiesparenden, hochauflösenden, papierähnlichen Displays, verbunden mit der Möglichkeit, in Sekundenschnelle an Bücher zu kommen, haben diese Entwicklung auch auf Konsumentenseite ankommen lassen – mehr oder weniger. Seitdem das so ist, wird energisch über das Für und Wider elektronisch veröffentlichter Bücher diskutiert. Ein nicht ganz unwesentlicher Aspekt in dieser Diskussion ist die Tatsache, dass elektronische Texte – genau wie Musik und Filme – von selbsternannten „Piraten“ auf Downloadplattformen verteilt werden, ohne dass die Autoren oder Verlage hierfür vergütet werden (zuweilen zahlen allerdings die Konsumenten trotzdem). Der im November 2013 veröffentlichte „Gutenberg Piracy Report 3.0“ kommt zur Erkenntnis, dass auf ein legal erworbenes Elektrobuch zehn (!) illegale kommen  – und zwar hierzulande. Die Rechteinhaber erhalten also in nur einem von elf Fällen Geld für ihre Investition und Arbeit. Ob auch alle Verlage, Dienstleister und Konsumentenportale wirklich jede – kaum zu kontrollierende – Digitalkopie mit denjenigen abrechnen, die an dieser Stelle zu berücksichtigen wären, ist eine ganz andere Frage, die kaum jemand beantworten kann. Digitale Kopien sind vom Original nicht zu unterscheiden, ohne Aufwand herzustellen und praktisch nicht verfolgbar. Ob also nur hundert oder doch zehntausend Kopien eines nicht kopiergeschützten (DRM-freien) Romans verteilt und dann auch ordnungsgemäß abgerechnet worden sind, weiß lediglich der berühmte Geier. Es ist, um es mal vorsichtig auszudrücken, eine Vertrauensfrage. Die uns hier aber nur am Rande beschäftigen wird.

 

Das eBook ist enorm platzsparend und sehr schnell verfügbar. Selbst ein billiger Reader bewältigt eine große Datenmenge, so dass man im Prinzip jederzeit seine gesamte Bibliothek mit sich herumschleppen kann. Wer wie ich im Urlaub viel liest und regelmäßig beim Einchecken schwitzen muss, weil der Koffer nicht die erlaubten zwanzig Kilo, sondern einundzwanzigeinhalb wiegt (weil man vielleicht doch endlich dazu kommt, zusätzlich „Der Mann ohne Eigenschaften“, „Unendlicher Spaß“ und „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zu lesen, was man schon seit Jahren vor sich herschiebt), weiß diesen Vorteil zu schätzen. Wer plötzlich von der letzten Seite des aktuellen Romans überrascht wird und nicht rechtzeitig für Nachschub gesorgt hat, wird auch den Vorteil zu schätzen wissen, per Klick umgehend an neues Material zu kommen. Oder wenn man soeben von einem tollen Roman gehört hat, den man unbedingt sofort lesen muss – prima. eBooks verrotten oder vergilben nicht. Man kann zig Texte parallel lesen, ohne ständig nach ihnen suchen zu müssen – so lange man weiß, wo der Reader ist. eBooks können multimediale Inhalte bieten (allerdings ist mir das noch nie in wirklich überzeugender Form begegnet), man kann sie kommentieren, ohne sie zu ruinieren, und das „social reading“ ist sicherlich auch eine absolut großartige Angelegenheit, wenn man darauf steht, sich ständig in die Lektüre quatschen zu lassen. Aus Sicht der oben bereits genannten Autoren ist natürlich genial, beliebige Texte hurtig veröffentlichen zu können, ohne mühselig bei Verlagen Klinken putzen zu müssen, ohne sich monatelange Redaktionsphasen geben zu müssen, ohne von den Vertretern oder Ausstattern kurz vor der Veröffentlichung neue Romantitel oder seltsame Cover untergejubelt zu bekommen. Ganz zu schweigen davon, dass man auf diesem Weg deutlich mehr verdient, zumindest theoretisch. Ich habe mich im Rahmen einiger Recherchen intensiv damit beschäftigt, was auf diesem Weg überwiegend auf den Markt kommt, und, ja, es sind tatsächlich recht beliebige Texte, an denen die meisten Autoren, die so verfahren, absolut nichts verdienen. Aber auch dieser Aspekt ist nicht wirklich wichtig.

 

Genug der Vorrede.

 

Denjenigen, die eBooks für wenigstens suboptimal halten, wird in aller Regel vorgehalten, dass sie die „Zeichen der Zeit“ nicht erkennen würden. Sie werden mit Maschinenstürmern und Dinosauriern verglichen. Nur der Vollständigkeit halber: Dinosaurier sind nicht ausgestorben, weil sie eine nicht mehr lebensfähige Art waren. Es gab einen verdammten Meteoriteneinschlag, der übrigens auch andere Lebensformen vom Planeten getilgt hat. Der Dinosauriervergleich ist falsch, wenn man damit sagen will, dass Größe, geringe Flexibilität oder ein irgendwie gearteter Konservatismus irgendwann ins unvermeidliche Verderben führen. Gegen Meteoriteneinschläge können auch noch so flinke Kaulquappen nichts ausrichten. Davon abgesehen gibt es in unserer Welt jede Menge „Dinosaurierstrukturen“, die Jahrhunderte, gar Jahrtausende überlebt haben und immer noch recht vital daherkommen. Dazu gehören nicht nur einige Nationen und auch Konzerne, sondern beispielsweise auch die Religionen und viele andere tradierte Verhaltensweisen, die sich einfach nicht ausmerzen lassen, obwohl sie kaum dem Zeitgeist entsprechen. Tatsächlich ist der Zeitgeist sehr viel kurzlebiger.

 

Ich bin eigentlich kein konservativer Mensch; wer meine Texte oder mich persönlich kennt, wird eher das Gegenteil vermuten. Ich halte Konservatismus aber nicht für prinzipiell schlecht, denn es geht hierbei darum, das Gute zu bewahren und das weniger Gute kritisch zu beleuchten, bevor man es akzeptiert – einfach gesagt. Der Vorwurf, konservativ zu sein, ginge mir aus diesem Blickwinkel am Rosettenhalter vorbei. Das tun allerdings, nebenbei bemerkt, die meisten Vorwürfe. Man muss sich grundsätzlich niemals vorwerfen lassen, irgendwie zu sein. Das Recht, irgendwie zu sein, hat jeder Mensch.

 

Wir leben, was kaum jemand bezweifeln dürfte, in einer Zeit, in der technische Entwicklungen rasant im Alltag ankommen, ohne dass ausreichend Gelegenheit verbleibt, sie zu hinterfragen. Tatsächlich leben wir nicht in der ersten Zeit, in der das der Fall ist, aber die Rasanz der Innovationszyklen hat die kritische Würdigung von Entwicklungen unterm Strich zu einem Ding der Unmöglichkeit gemacht. Das Netz ist zum weltumspannenden Faktum geworden, bevor überhaupt jemand verstanden hat, was die Folgen sein könnten. Vernetzung ist allgegenwärtig, der Missbrauch dieser Technologie allerdings ebenso. Das Internet hat fraglos enorme Vorteile, aber auch grandiose Nachteile, gegen die scheinbar nichts mehr zu machen ist, weil das Internet gelebte Realität ist (was in meinen Ohren nach einem Oxymoron klingt). Tatsächlich aber ist, glücklicherweise, auch in dieser Sache noch nicht das letzte Wort gesprochen.

 

So, dann kommen wir mal zum eBook zurück.

Ich halte, um ehrlich zu sein, schon den Begriff für falsch, denn das eBook ist kein Buch, ob man nun einen Vokal davorstellt oder nicht. Ein Buch ist mehr als nur der Text (der oben genannte Blogautor hat auf den originellen Begriff „Content“ verwiesen), der darin enthalten ist. Richtiger hielte ich Begriffe wie „eNovel“ oder „eText“, obwohl ich Fußnägelfäule bekomme, wenn ich sie ausspreche. Tatsächlich aber muss man wohl Termini erfinden, wenn es um derartige Medienwechsel geht – schließlich wird ja auch vom Hörbuch gesprochen (obwohl es eigentlich ein Sprechbuch ist). Die Bezeichnung „eBook“ hat aufwertenden Charakter, weil sie davon ablenken soll, dass binäre Rohdaten – im Extremfall wirklich nur der Text als Sammlung von Bytes, die Buchstaben repräsentieren – im Moment des Lesens aufbereitet werden. Das eBook, wie wir es derzeit kennen, ist kein konkretes Produkt, sondern eine Chimäre, die sich unterschiedlichen Konsumenten unterschiedlich präsentiert. Umgekehrt also wird hier wirklich nur der Inhalt, der rohe Text gekauft und gelesen, meistens ergänzt um eine Grafik, die das Cover zeigt, fertig. Was, zugegeben, auch bedeutet, dass sich Leser mit Sehschwäche große Schriftarten einstellen können, und das ist eine prima Angelegenheit, wenn die Brille verlegt hat oder das Augenlasern zu teuer ist. In der Konsequenz wäre übrigens wünschenswert, wenn sich Menschen mit Sehschwäche im Auto einstellen könnten, in welcher Vergrößerung die Realität um sie herum dargestellt wird. Nein, ich mache mich nicht über Menschen mit Behinderungen lustig. Ich hinterfrage lediglich ein Argument.

 

Diese Rohheit des vermeintlichen Endprodukts stört mich. Wenn ich eBooks lese, was ich tatsächlich manchmal mache (im Urlaub und wenn es den Roman nicht als gedruckte Fassung gibt), kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, ein halbgares, unfertiges, beliebiges Produkt zu konsumieren. Dieser Aspekt gehört zu den gefühlten, subjektiven Nachteilen dieser Technik, weshalb er nicht diskursfähig ist; möglicherweise hat er mit Konservatismus zu tun. Viele andere Aspekte, die diesem Bereich entstammen, sind schon häufig genannt worden. Es gibt weitere, die in Graubereiche fallen: eBook-Bibliotheken sind unübersichtlich (da geht es ihnen wie den Fotosammlungen, die viele von uns auf ihren Rechnern horten, ohne je die Zeit zu finden, die Spreu vom Weizen zu trennen und/oder Ordnung zu schaffen). Mit dem Reader ist erstmal die gesamte Bibliothek weg, falls er gestohlen wird oder verloren geht. Mit eBook-Readern sollte man nicht am Pool die Liege reservieren, in Küchen, Badezimmern und sonstigen Feuchträumen sind sie latent gefährdet. Reader und damit eBooks brauchen Strom und funktionieren nicht mehr, wenn der Akku leer ist (gedruckte Bücher im Gegensatz zu Film- und Musikkonserven allerdings durchaus). DRM-geschützte Elektrobücher können nicht portiert werden, zuweilen ist man einem Anbieter auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, der auch noch hinterrücks die Daten kontrollieren und manipulieren kann. Die eBook-Bibliothek ist eine Datensammlung, die all die Nachteile hat, die Datensammlungen haben können. Man ist als Leser kontrollierbar und kann überwacht werden. Man kann eBooks nicht verleihen oder verschenken, und man darf es übrigens auch nicht. eBooks können gefälscht oder verändert sein. Beim Gerätewechsel muss man ganz schön aufpassen. eBooks erlauben es, Verlage und Autoren im großen Stil zu betrügen. Auch für das Bereitstellen und die Verteilung von eBooks müssen ökonomischer Aufwand und ökologisch kritikwürdige Ressourcennutzung betrieben werden.

 

Gedruckte Bücher nehmen Platz weg. Sie verstauben. Man kann in ihnen keine Volltextsuche durchführen und sie nicht miteinander verlinken. Sie sind nicht reproduzierbar, wenn man sie beschädigt hat. Sie werden mit der Zeit ein bisschen hässlicher. Es ist schwer, Kommentare wieder zu löschen, die man in ihnen angebracht hat. Bücher müssen gelagert, geliefert oder irgendwo abgeholt werden. Für Bücher muss man Bäume fällen, der Herstellungsprozess ist aufwendig. Gedruckte Bücher, die keiner kauft, müssen eingestampft werden. Bücher können ausverkauft sein. Wenn man eine Sehschwäche hat, muss man beim Lesen ein Hilfsmittel verwenden. Gedruckte Bücher können beim Lesen keine Musik ab-/einspielen, Wikipedia-Einträge zu einem Fremdwort einblenden, und wenn man einem anderen Menschen, der das gleiche Buch liest, mitteilen will, an welcher Stelle man gerade ist und was man davon hält, muss man einen ziemlich Aufwand betreiben. Ein Buch, das auf Nichtgefallen stößt, muss man verschenken, zur Mülltonne oder ins Antiquariat bringen.

 

Ein gedrucktes Buch wird selten gestohlen. Es ist authentisch.  Es wirbt für sich als Produkt, verleiht dem enthaltenen Text eine Wertigkeit, die es vermitteln kann. Ein Buch verbindet textuelle mit visueller Ästhetik. Ein Buch hat ein Wesen. Es funktioniert für sich, ganz ohne Hilfsmittel, völlig unkontrollierbar vom Hersteller oder Lieferanten. Es verrät beim Lesen nichts über mich. Ein Buch ist intim. Es kann nur sehr aufwendig kopiert werden. Es sieht immer gleich aus, nämlich so, wie Autor und Verlag das wollten. Man kann es verleihen, verschenken, verlieren, verdammen und verflucht gut finden. Ein Buch ist das physische Filtrat der vielen Arbeit, die nötig war, um es zum Buch zu machen. Ein Buch ist ein Erlebnis. Es wird zum Bestandteil meines Lebensraums, wenn ich es ins Regal stelle, wo ich es jederzeit sehen, darin blättern, mich erinnern kann. Ein Buch zeigt mir, nicht nur ein beliebiger Text zu sein, sondern etwas, an dessen Qualität mehrere Menschen glauben. Das gedruckte Buch repräsentiert auch – wenigstens teilweise – einen Wert. All das kann ein eBook-Reader höchstens simulieren, aber meistens gelingt es ihm nicht.

 

Ein Verwandter von mir ist an 200 Tagen des Jahres unterwegs. Bis vor ein paar Monaten hat er sich in letzter Sekunde in mäßig sortierten Flughafenbuchhandlungen mit Lektüre eingedeckt. Ein Freund von mir war nie begeisterter Leser, weil er meist ratlos in Buchhandlungen stand, selten die richtigen Titel fand. Seit beide eBook-Reader besitzen, lesen sie häufiger, verschwenden kaum noch Zeit mit Romanen, die sich nach ein paar Seiten als eher blöd herausstellen; mein Verwandter findet auch unterwegs neue Titel, sogar im Flugzeug, mitten über dem Atlantik, dank WLAN in der Businessklasse bei Lufthansa. Geil.

Und unstrittig.

Übrigens lesen beide überwiegend Bestsellerlisten-Gebrauchsliteratur.

 

Als Leser betrachte ich eBooks auf genau diese Weise – ich mag sie nicht, aber sie manchmal sind praktisch (bei meinem iPad beispielsweise ist es genau umgekehrt). Es ist nicht das gleiche, einen gedruckten Roman in den Händen zu halten oder auf einem Reader durch aufbereitete Daten zu scrollen. Ich finde das eine – kurz gesagt – angenehmer als das andere, wähle das andere jedoch zuweilen aus ganz pragmatischen Erwägungen heraus. Die Angelegenheit hat zwar auch eine emotionale – meinetwegen sogar konservative – Komponente, aber gibt drastische Unterschiede etwa zum bereits mehrfach erfolgten Medienwechsel im Musikbereich. Konservierte Musik kommt überhaupt nicht ohne Abspielgerät aus, gedruckte Texte tun dies durchaus. Der Übergang zur Musikdigitalisierung hat die Qualität im heimischen Bereich gravierend ansteigen lassen, obwohl einige Puristen immer noch behaupten, damals, auf ihren schweineteuren High-End-Anlagen, hätten sich Vinylschallplatten viel besser angehört. Das mag sogar stimmen, aber nach dem dreißigsten Abspielen waren sie dafür auch im Eimer, und Vinyl im Auto oder beim Joggen ist ganz schrecklich unpraktisch. Allein, konservierte Musik erlebt ihre Audioreinkarnation einzig durch die vorhandenen Abspielgeräte, wobei das Hörerlebnis direkt von der Qualität dieser Geräte abhängt. Gedruckte Bücher machen in einem feudalen Schloss genau den gleichen Eindruck wie in einer verwahrlosten Sozialbauwohnung am Rand von … Jena. Und zwar ganz ohne Strom. Und sie sind einfach schöner als eBooks.

 

Dieser Argumentation kann man folgen oder ihr widersprechen. Man kann auch nach China fahren, um ein paar Getreidesäcke umzuwerfen. Soll doch jeder die Form wählen, die ihm am besten gefällt. Richtig.

 

Warum also dieser Streit?

 

Er hat, kurz zusammengefasst, zwei Hintergründe. Der eine lässt den Vergleich zur Musikindustrie wiederum zu: eBooks lassen sich leicht vervielfältigen, was selbst für DRM-geschützte Elektrobücher gilt, wenn man höheres technisches Verständnis als eine gemeine Hausratte hat. Autoren und Verlage werden – genau wie Musiker und Plattenfirmen – im großen Stil betrogen, was zwar bislang vor allem die in Bestsellerlisten vertretenen Titel betrifft, wahrscheinlich aber über kurz oder lang auch die Zweite-/Dritte-/Amateur-Liga-Autoren erreichen wird. Die Digitalisierung ist aus Sicht der Hersteller also in erster Linie ein Rückschritt. Zwar fallen einige logistische Komponenten weg (Druck, Lagerhaltung, Auslieferung, Präsenzbuchhandel), aber auch die ökonomische Kontrolle über das Produkt ist dahin, während man bei jedem einzelnen gedruckten Buch verfolgen kann, ob und wo es verkauft wurde oder nicht. Man verdient vor dem Hintergrund der aktuellen Preisgestaltung zwar ein paar Cent mehr als am gedruckten Buch, aber das wird von der Piraterie in einem Haps wieder aufgefressen. Sonstige Vorteile hat das eBook aus dieser Perspektive nicht. Auch hier muss im Vorfeld lektoriert und ausgestattet werden, und selbst der Satz fällt an, wenn auch in etwas geringerem Maß. Natürlich kostet das einzelne verkaufte eBook fast nichts mehr in der Herstellung (weil es nicht existiert), da einfach nur Daten kopiert werden müssen, aber es entsteht durch illegale Kopien dennoch ein Schaden in Form von verlorengegangenen, ergo fehlenden Einnahmen (und übrigens kostet ein Taschenbuch mit hoher Auflage in der Herstellung auch nur ein paar Cent). Einige Schlaumeier meinen, man könne dem beikommen, indem man die eBook-Preise deutlich senkt oder eBooks kostenlos zum gedruckten Buch dazugibt, aber ich meine, dass man nicht klaut, weil der Preis der legalen Version zu hoch ist, sondern weil die illegale Version einfach nichts kostet. Nichts ist immer weniger als etwas. Außerdem ist der Diebstahl faktisch risikolos. Der Vergleich zur Musikindustrie hinkt allerdings an einer wesentlichen Stelle: Musikkonserven konsumiert man in aller Regel häufiger, Bücher werden meistens nur einmal gelesen. Während also Musikdiebe möglicherweise irgendwann eine legale Kopie nachkaufen, werden das Leute, die einen geklauten Roman gelesen haben, nur ausnahmsweise tun. Und während Musiker möglicherweise einen Teil der Verluste durch Auftritte ausgleichen können, so sie eine Form von Musik produzieren, die sich live reproduzieren lässt, werden Mittelfeld-Autoren für fünf oder sechs Lesungen pro Jahr gebucht, wenn sie Glück haben. Dem Verlust steht also nichts gegenüber. Originelle Geschäftsmodelle wie so genannte „Kultur-Flatrates“ sind, wie alle Pauschalangebote, Betrug am Normalnutzer, und bei denjenigen, die die Bücher geschrieben haben, kommt davon sowieso nichts an.

Aus Autoren- und Verlagssicht sind eBooks also nichts weiter als eine Katastrophe. Deshalb geben sich viele Verlage zurückhaltend, was diese Entwicklung anbetrifft. Die Preise für eBooks liegen in der Nähe der Preise für gedruckte Fassungen, um nur wenige Anreize zu bieten, die Elektroversion zu kaufen. Einige Verlage verzichten vorläufig noch völlig auf dieses Segment. Einige Autoren – durchaus auch namhafte – haben versucht, eBook-Fassungen ihrer Bücher zu untersagen.

 

Ganz anders stellt sich das dar, wenn man einen kleinen eBook-Verlag betreibt oder als Autor seine Bücher selbst auf diesem Weg herausgibt, was praktisch ohne finanziellen Aufwand möglich ist. Aus Sicht dieser Leute sind eBooks eine sensationelle Entwicklung, von der sie sich inständig wünschen, sie würde sich noch weiter verstärken, denn diese Menschen glauben, dann würden sich auch ihre Bücher besser verkaufen. Aus dieser Gruppe stammen die Stimmen, die wütend und energisch auf entsprechende Kampfschriften reagieren. Was natürlich verständlich ist.

Nichtsdestotrotz ist die Annahme, die dahintersteht, wahrscheinlich falsch.

 

Es ist sehr aufwendig, ein Buch herzustellen. Zehn-, hunderttausende Autoren „bewerben“ sich jährlich bei den Verlagen mit ihren Ergüssen, und einer von tausend schafft es. Das ist keine sehr prickelnde Quote, aber dennoch sieht der deutsche Markt Jahr für Jahr gut 100.000 belletristische Neuerscheinungen, davon ein Gutteil aus der Feder deutscher Autoren. Ungefähr tausend Mal so viele Exemplare werden gekauft, Fensterkreuz mal Pi 100.000.000 Stück (Einhundertmillionen oder eine Zehntelmilliarde) – pro Jahr. Das klingt viel, aber das meiste davon sind so genannte „Backlist-Titel“, also lange vorher publiziert worden – die Leute kaufen nämlich keineswegs nur Neuerscheinungen. Es sind also nur wenige hundert Exemplare, die theoretisch je Titel abgehen, und die Anzahl der verkauften Bücher steigt nicht mit der Anzahl der Neuerscheinungen. Tatsächlich verkaufen sich einige Veröffentlichungen sehr gut (richtig – diejenigen, die es auf die Bestsellerlisten schaffen) – und die meisten anderen kaum. Viele fast überhaupt nicht. Anders gesagt: Eigentlich braucht der Markt diese große Anzahl Neuerscheinungen nicht. Sie werden trotzdem publiziert, weil man erstens Bestseller nur selten vorhersagen kann und es zweitens selbst den Verlagen auch um Vielfalt geht. Bestseller finanzieren beispielsweise anspruchsvolle Literatur mit niedrigen Auflagen.

Von den 999 abgelehnten Autoren wiederum sind mindestens 900 nicht so gut, um es mal vorsichtig zu sagen. Einige sind vielleicht zu eigenwillig für die Publikumsverlage, liegen thematisch neben allen Trends, wären zwar gut, aber zu uninteressant für ein großes Publikum usw. usf.

 

Diesen Autoren – und fraglos auch anderen, die zwar Verlagskandidaten wären, diesen Weg aber nicht gehen wollen – bietet das eBook die Chance, trotzdem Leser zu erreichen. Es hat zudem den Vorteil, dass es ohne zeitlichen Vorlauf auf den Markt geworfen werden kann. Im Extremfall tippt man „Ende“ unter ein Manuskript und lädt es noch am gleichen Tag in die Publikationsplattform. eBooks müssen auch keine Mindestlänge haben, wohingegen sich Verlage nur ausnahmsweise dazu hinreißen lassen, Texte zu veröffentlichen, die weniger als 200 Seiten umfassen. Miniserien, Kurzgeschichten, Kommentarsammlungen, Sachtexte, sogar Lyrik – eBooks bieten die Spielwiese, auf der man eine Menge ausprobieren kann (auf der allerdings die Konkurrenz kostenloser Web-Angebote groß ist). Erotik als Elektrobuch hat auch für Leser Vorteile, wenn er denn diese Erotik in der Öffentlichkeit lesen möchte, ohne zu verraten, was da geschmökert wird. Und der Lebensabschnittspartner erfährt es auch nicht. Erotische eBooks (die meistens sind nicht wirklich erotisch) sind folgerichtig überdurchschnittlich erfolgreich, selbst von absolut unbekannten Autoren. Aber es gibt auch andere Genres, die ein paar Schriftsteller gewinnbringend mit reinen Elektropublikationen beackert haben. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass Amazon diesen Bereich intensiv fördert, um die Marktführerposition zu halten. Der Versandriese unterstützt einige eBook-Selbstveröffentlicher mit großem Aufwand. Er ist in diesem Bereich Quasi-Monopolist.

 

Das Gros der Leute, die eBook-Selbstpublikationen nutzen, gehört zu den magischen 900. Sie wissen das natürlich nicht oder wollen es nicht wissen, aber sie hauen da im Minutenrhythmus ganz unglaublichen Schrott raus. Um hier gegenzusteuern und mit dem eigenen Angebot nicht unterzugehen, gründen die anderen eBook-Autoren Verlage (!) oder Gruppen, die Qualitätssiegel verleihen. Und sie versuchen natürlich alles, um Leser davon zu überzeugen, das Medium zu wählen, in der Hoffnung, mit der Menge der eBook-Leser auch eine größere Aufmerksamkeit für die eigenen Produkte zu erzeugen. Aus diesem Grund sprechen sie auch unaufhörlich von Dinosauriern, Ewiggestrigen, Zeichen-der-Zeit-Nichterkennern und so weiter. Sie wünschen sich, eine selbsterfüllende Prophezeiung auszusprechen.

 

Deshalb diese energische Diskussion. Die interessant ist und Spaß macht, viel mehr aber auch nicht. Den Leser interessiert sie kaum. Er wird sich anschauen, was es gibt, es ausprobieren, und sein Verhalten entsprechend anpassen – oder auch nicht. Er wird das nach einer Weile wiederholen. Oder auch nicht. Sehr viele Menschen – die Mehrheit – lesen sowieso nur ein, zwei, drei Bücher im Jahr.

 

Dieses Entweder-Oder hat also wenig Sinn. Sinnvoll wäre es, an den Nachteilen der Innovation zu arbeiten. Um anschließend abzuwarten, wie sich die Konsumenten verhalten werden. Die sich nicht von solchen Disputen irritieren lassen sollten (was sie sehr wahrscheinlich auch nicht tun). Man trifft keine unmoralische Entscheidung, wenn man ein eBook oder ein gedrucktes Buch kauft. Die trifft man nur, wenn man das eine oder andere klaut. Was bitte zu unterlassen ist. Danke.

„Selfpublishing“

„Selfpublishing“ (also „Selbstveröffentlichung“) ist das aktuelle Schlagwort, wenn es um Alternativen zum vermeintlich verkrusteten Verlagswesen geht. Systematiken wie Amazons „Kindle Direct Publishing“ (KDP) gestatteten es nicht nur neuen Autoren, ihre Texte – von der Kurzgeschichte bis zum vielbändigen Roman – kostenlos und in kurzer Zeit zu veröffentlichen, was derzeit sehr, sehr viele Autoren tun, und ein paar von ihnen verblüffend erfolgreich. Warum ich diese Möglichkeiten dennoch kritisch sehe, erläutere ich in einem Beitrag im „Literaturcafé“, der seit seinem Erscheinen vor knapp zehn Tagen bereits mit über 50 Kommentaren versehen wurde. Die Antwort auf diese Kommentare folgt in den nächsten Tagen. Hier geht’s zum – etwas provokanten – Beitrag:

Tom Liehr: »Selfpublishing ist keine Alternative – und erst recht kein Allheilmittel«

Der Streit ums Urheberrecht, Folge 2839 (geschätzt)

Die Situation grenzt ans Absurde. Atemlos eilt der technische Fortschritt voran, eröffnet neue Möglichkeiten – für den Gebrauch, aber auch für den Missbrauch. Das ist bei jeder Entwicklung immanent; so gut wie alles, das sich Menschen ausgedacht haben, kann man so oder so nutzen. Ein Brotmesser ist ein hilfreiches Haushaltsgerät, mit dem man anderen jedoch auch gehörigen Schaden zufügen kann, sogar vorsätzlich, aber das sollte man natürlich nicht tun. Das verstößt nicht nur gegen Gesetze, sondern auch gegen die ungeschriebenen Regeln des menschlichen Zusammenseins, die wir unter dem Begriff „Zivilisation“ zusammenfassen.

Vor ein paar Tagen schwappten irre Zahlen aus den Staaten herüber: Fünfundzwanzig Millionen Mal war die neueste Staffel einer HBO-Fernsehserie illegal „gedownloadet“ worden, „Spiegel online“ titelte: „Wer nicht verkauft, wird halt beklaut.“ Dem stand eine Einschaltquote von vier Millionen bei der kostenpflichtigen Erstausstrahlung gegenüber – sechs Mal so viele Leute konnten und wollten die legale Verfügbarkeit nicht abwarten und enteigneten einfach. Die Ursache, gar Schuld hierfür wird aber nicht bei jenen gesucht, sondern bei der Produktionsfirma, die ein begründungsloses „Recht“ der Downloader ignorierte und nicht rechtzeitig ihrer „Pflicht“ nachkam, deren „Bedürfnisse“ zu befriedigen. Wenn Du keinen Sex mit mir willst, …

Parallel nimmt die Diskussion über Kulturklau und -verfügbarkeit immer irrere Züge an. Die Parteien peitschen sich Unterschriftenlisten um die Ohren, bedrohen einander, sondern im Stundenrhythmus Kommentare, Blogeinträge, Kampfschriften und Manifeste ab. Von der Öffentlichkeit bestenfalls am Rande wahrgenommen, tobt augenscheinlich ein erbitterter Streit, in dessen Zentrum etwas steht, mit dem Otto Normalbürger bis in die späten Neunziger so gut wie nie konfrontiert wurde: Das Urheberrecht. Das Internet hat diesem Recht zu neuer Relevanz verholfen, denn nirgendwo sonst und zu keiner anderen Zeit war es verletzlicher.

Das Urheberrecht ist ein Bürgerrecht, das fast in Augenhöhe neben dem Eigentumsrecht steht, also jenem Recht, das den Besitz materieller Güter schützt. Das Recht, materielle Güter zu behalten, die wir legal erworben haben, steht – jedenfalls vorläufig noch – felsenfest, wohingegen die jüngere zivilisatorische Errungenschaft, die Geistesleistungen schützt, und die Grundlage nicht nur für kommerzielle Kunst und Unterhaltung ist, leichthin zur Disposition gestellt wird. Das kommt einem Rückfall in die Zeit vor der Aufklärung gleich, als Kreative nichtswürdig waren und allein materieller Reichtum zählte, Kreativität aber kaum etwas, wenn man nicht das seltene Glück hatte, über einen Mäzen zu verfügen.

Viele, die ungefragt oder erbeten mitdiskutieren, scheinen nicht zu wissen, wozu dieses Recht eigentlich gut ist und was es besagt. Einfach ausgedrückt: Der Schöpfer eines konkreten (in diesem Fall künstlerischen) Werkes darf allein darüber entscheiden, was mit diesem Werk geschieht. Mit „konkretes Werk“ ist eine Geistesleistung gemeint, die eine gewisse Schöpfungshöhe erreicht, sich also von anderen und vom Allgemeingut abhebt; das Urheberrecht schützt keine Ideen, keine Aussagen und auch nicht „Wissen“, wie viele pseudoeloquent behaupten. Es schützt beispielsweise auch nicht Plot und Setting eines Romans, sondern nur diesen speziellen Roman – insgesamt und auszugsweise. Das Urheberrecht ist nicht, wie sogar manch ein Nachwuchsautor meint, übertragbar und kann auch nicht veräußert werden; es ist an die Persönlichkeit des Urhebers gebunden. Im Gegensatz zum materiellen Eigentumsrecht endet es jedoch 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers; seine Werke werden nach dieser Schutzfrist „gemeinfrei“, können also weitergegeben werden, ohne jemanden hierfür zu vergüten, aber umschreiben oder als eigene Werke ausgeben darf man sie auch dann nicht. Diese Verjährung soll gewährleisten, dass kulturelle Leistungen, die so bedeutend waren, dass sie selbst Jahrzehnte nach dem Tod des Schöpfers noch interessant sind, auch der Allgemeinheit zur Verfügung stehen und also Bestandteil des kulturellen Erbes einer Gesellschaft werden.

Das Urheberrecht ist also dafür da, immaterielles Eigentum zu sichern. Das betrifft nicht nur „Kunst“ und Unterhaltung, sondern auch viele andere Bereiche, von der Architektur über das Design und die konkrete Inszenierung eines Theaterstücks bis zur Softwareentwicklung. Woran jemand lange und intensiv gearbeitet hat, um schließlich eine eigenständige, kreative Schöpfung zu präsentieren, das gehört ihm auch. Er besitzt fraglos auch die Freiheit, auf die hiermit verbundenen Rechte zu verzichten, was nicht wenige regelmäßig tun, aber im Normalfall schützt das Urheberrecht eben jene Arbeit und ihr Ergebnis. Dass das Urheberrecht auch vieles mitschützt, an dessen Schutz nicht einmal der Urheber selbst interessiert ist (etwa Privatfotos), ist ein Randproblem, das aber nichts rechtfertigt.

Dieses Ergebnis nun lässt sich heutzutage in vielen Fällen durch Daten repräsentieren, was vor allem für Texte, Musik, Fotos, Filme und Software gilt. Digitale Daten verfügen über den Vorteil, beliebig oft reproduzierbar zu sein, ohne dass ein qualitativer Verlust entsteht. Dieser Vorteil wird von jenen, die „im Internet“ – beabsichtigt oder nicht – Rechtsbrüche begehen, weidlich genutzt. Der Vorgang ist mit keinem oder nur sehr geringem Aufwand verbunden, und die Struktur des weltweiten Netzes, dessen Designschwächen sich nicht nur an dieser Stelle zeigen, lässt bisher zu, dass derlei überwiegend ungestraft geschehen kann. Daraus wird in der aktuellen Diskussion häufig das „Recht“ abgeleitet, dies eben auch zu tun. Als Begründung hierfür muss herhalten, dass es einerseits sehr leicht ist, zweitens von vielen praktiziert wird und drittens praktisch kaum zu ahnden ist, ohne wesentliche Strukturen zu ändern. Manch ein Zeitgenosse gießt das sogar in ein originelles, überaus egoistisches „Bürgerrecht auf Vervielfältigung“, obwohl es genau das Gegenteil davon ist, nämlich der Bruch eines Bürgerrechts. Hiervon abgesehen ist es ein mehr als halbseidenes, tendentiell jedoch asoziales Argument, den Bruch von Rechten legalisieren zu wollen, nur weil sie im speziellen Fall so schwierig zu gewährleisten sind. Es macht zivilisierte Gesellschaften aus, Rechte anderer auch dann zu achten, wenn der Verstoß gegen sie leicht und nahezu gefahrlos ist. Würden wir alle den dieser Argumentation zugrundeliegenden Gedanken verinnerlichen, wären wir von einer äußerst bedrohlichen Vorform der Anarchie nicht mehr weit entfernt.

Das amerikanische Pendant zum deutschen Urheberrecht heißt Copyright – das Recht, zu kopieren. Vor der Installation des Urheberrechts waren Künstler, die keine Unikate hergestellt haben, auf das Wohlwollen der Feudalherren angewiesen, aber die Möglichkeit, von der konkreten Leistung zu profitieren, hatte letztlich jeder andere. Aus diesem Vasallentum wurden sie mit der revolutionären Idee, immaterielles Eigentum dem materiellen nahezu gleichzustellen, befreit, und diese Entwicklung ist längst nicht nur die Grundlage der gesamten Gegenwartskultur und der Unterhaltungsindustrie. Das Urheberrecht betrifft nicht nur Musik, Prosa und Filme, sondern weit mehr; es betrifft beinahe jedes Gewerbe, das etwas entwickelt.

Ein Künstler, der ein reproduzierbares Werk hergestellt hat, profitiert hiervon, indem er dieses Recht, zu kopieren, allein wahrnehmen oder andere mit der Wahrnehmung beauftragen kann. Ein Text an und für sich hat noch keinen Wert, vor allem keinen materiellen – dieser entsteht erst durch die Verwertung. Vieles, was an Kunst so hergestellt wird, erreicht diese Verwertungsphase nie, was manchmal bedauerlich, meistens aber ein wirksamer Schutz der Konsumenten vor noch mehr Unsinn ist. Während also jemand, der ein Haus gebaut oder ein Auto gekauft hat, auf einen materiellen Wert verweisen kann, der sich jederzeit berechnen, aber auch wieder zu Geld machen lässt, generieren urheberrechtlich geschützte Werke ihren Wert erst über die verkauften Kopien, und zwar jede einzelne davon. Das mag in originellen Sonderfällen, wenn Künstler quasi über Nacht Milliardäre werden, ein wenig ungerecht erscheinen, im Normalfall aber verdienen die vielen Hunderttausend frei Kulturschaffenden kaum mehr als ein angestellter Facharbeiter – in vielen Fällen jedoch weit weniger (was übrigens nicht an der „bösen Verwertungsindustrie“ liegt, sondern hauptsächlich daran, dass das Angebot die Nachfrage bei weitem übersteigt).

Dieser Tatsache begegnen jene, die die Abschaffung oder wenigstens Aufweichung des Urheberrechts fordern, mit originellen, scheinbar futuristischen „Geschäftsmodellen“, von denen jedes weitere noch absonderlicher ist als das vorige. So skizzierte ein taz-Kolumnist kürzlich (am 9.5.2012) eine Art Schneeballsystem, ohne seinen haarsträubenden Rechenfehler zu bemerken oder bemerken zu wollen, während andere darauf verweisen, dass einige Bands die freien Downloads ihrer Alben durchaus durch „Spenden“ gegenfinanziert hätten, und außerdem wäre jeder Künstler doch wohl dazu in der Lage, etwaige Ausfälle durch Live-Auftritte zu kompensieren. Verkürzt gesagt: Ich klaue Dir Dein Auto, lasse Dir aber einen Metallblock da, aus dem Du mit etwas gutem Willen ein neues bauen könntest. Jeder, der solche Geschäftsmodelle propagiert, mag sie in leicht abgewandelter Form auf sein eigenes Erwerbsleben adaptieren – er wird, wenn er ehrlich zu sich ist, schnell zu dem Schluss kommen, dass es ein sehr ärmliches wäre, sich tendentiell aber überhaupt nicht mehr lohnen würde. Den Künstlern aber wird die Rückkehr zur sprichwörtlichen Brotlosigkeit als praktische Verneigung vor dem Zeitgeist und den Missbrauchsmöglichkeiten des technischen Fortschritts einfach so nahegelegt.

Dabei geht es bei all dem eigentlich überhaupt nicht um das Urheberrecht. Wenn etwa eine Verkürzung der Schutzfristen gefordert wird (wir erinnern uns: 70 Jahre bis zur Enteignung), was bestenfalls die Qualität eines Hebels hat, denn auch bei einer Verkürzung auf zehn oder zwanzig Jahre wäre das Interesse etwa an Lady Gagas Ergüssen längst abgeebbt, verschiebt dies den Kern der Diskussion nur weiter, um vom eigentlichen Problem abzulenken. Dass es nichts mehr zu „sharen“ gäbe, wenn die „Sharer“ mit ihren Forderungen erfolgreich wären, wissen diese letztlich selbst (am Rande – Begriffe wie „Tausch“ – ich gebe meines weg, bekomme dafür deines – und „Sharing“, also „Teilung“ – die Menge bleibt gleich und verringert sich für den Einzelnen mit jeder Teilung – sind irreführend und falsch; im Internet gibt es weder Tausch, noch Teilung, sondern immer nur Multiplikation). Ausgangspunkt der gesamten Debatte sind tatsächlich die Ideen für eine verbesserte Kontrolle und einfachere Verfolgungsmöglichkeiten, also Ansätze wie das – möglicherweise zu recht – vielgescholtene „ACTA“. Diese sollen es erlauben, gegen Urheberrechtsverstöße und illegalen Handel mit gefälschter Markenware leichter vorgehen zu können, was bisher so gut wie – aber nicht völlig – unmöglich ist. Mit der Installation dieser Systematiken (es sind Handelsabkommen), so befürchten viele, würde „das Internet“ beschnitten werden, gäbe es also Freiheiten nicht mehr, die derzeit vermeintlich existieren. Damit ist nicht notwendigerweise die „Freiheit“ gemeint, urheberrechtlich geschützte Werke nach Belieben zu kopieren, sondern eher jene, sich weitgehend anonym nach Herzenslust auszutoben. Gäbe es aber, so der Gedanke, das nicht mehr, was geschützt werden soll, müssten auch keine Mechanismen installiert werden, um es zu schützen. Bestechend einfach, aber leider sehr kurz gedacht. Die Liste der Straftaten, deren Straftatbestände man einfach abschaffen müsste, um sie auch nicht mehr „im Internet“ (oder gar außerhalb der Virtualität, was nur konsequent wäre) verfolgen zu müssen, wäre sehr lang – man muss nicht einmal Exponenten wie die Verbreitung von kinderpornografischem Material nennen. Die Naivität dieses Ansatzes hat etwas Rührendes, was nur wenige daran hindert, ihn als „neues Denken“ zu verkaufen.

 

Mal davon abgesehen, dass es, wie gesagt, alsbald kaum mehr etwas zum „Sharen“ gäbe, wäre die kommerzielle Kultur flächendeckend auf die neuen, bestenfalls im Erstanwendungsmoment funktionierenden „Geschäftsmodelle“ angewiesen, ist vor allem die Idee, etwas zu legalisieren, das bis dato illegal ist, aber vermeintlich jeder tut (auch das ist eine weitgehend unbewiesene Behauptung, wovon im Rahmen dieser Diskussion hunderte verwendet werden), eben grundfalsch. Wenn man sich im PKW fortbewegt, gewinnt man den Eindruck, nahezu jeder andere Fahrzeuglenker würde die Geschwindigkeitsbegrenzungen missachten, aber dieser Eindruck ist erstens ein persönlicher (!), zweitens wahrscheinlich unrichtig und drittens vor allem keine sinnvolle Begründung dafür, einfach alle Geschwindigkeitsbegrenzungen abzuschaffen. Gesellschaften funktionieren nicht, indem man jeden Einzelnen jederzeit – etwa durch permanente Überwachung – dazu zwingt, die Regeln einzuhalten und den Anderen zu achten, sondern dadurch, dass die Menschen begreifen, dass diese Regeln zum Schutz da sind – durchaus auch zum eigenen Schutz. Adaptiert auf die Kopiersituation im Netz bedeutet das: Es mag sinnvoll sein, die Kontrolle zu intensivieren, aber zuvorderst muss die Sensibilität dafür erhöht werden, dass man Schaden anrichtet – Schaden, der irgendwann auch auf einen selbst zurückfällt. Denn das Urheberrecht ist nicht nur (eigentlich überhaupt nicht) der Garant für Künstler, einen kurzen Moment des Musenkusses in wahnwitzigen Reichtum zu verwandeln, sondern nicht weniger als das Fundament unserer gesamten Gegenwartskultur.

 

Also, Leute. Benutzt das Brotmesser, um Euch leckere Stullen zu schmieren. Und lasst es einfach ansonsten in der Küchenschublade. Es gibt so viel kostenlose und/oder gemeinfreie Kultur, dass man mehrere hundert Leben bräuchte, um all das zu konsumieren. Ja, es ist ärgerlich, wenn es etwas Brandneues gibt, von dem man auch noch glaubt, es unbedingt und um jeden Preis sofort haben zu wollen. Aber erstens muss man das nicht wirklich – und außerdem ist das Brandneue morgen auch noch großartig, wenn man legal rankommt und damit zugleich gewährleistet, dass es übermorgen mehr Brandneues gibt.

Das wird lustig!

TREFFEN DER POPTITANEN: Uschmann, Sachau, Krauleidis und Liehr lesen in Berlin!

Vier Jungsbuch-Literaten schweifen ab

Am 16. Februar kommt es in Berlin zu einem Treffen der Jungsbuch-Titanen. Die „Popliteraten“ Oliver Uschmann („Hartmut und ich“, „Feindesland“), Matthias Sachau („Schief gewickelt“, „Wir tun es für Geld“), Raymund Krauleidis („Schmoltke & ich“, „Schmoltke – all inclusive“) und Tom Liehr („Idiotentest“, „Pauschaltourist“) lesen erstmals zusammen auf einer Bühne – und diskutieren zwischendrin u.a. die Frage, was sie eigentlich gemeinsam haben.

Das wird sicher eine kurzweilige und sehr originelle Veranstaltung!

Am 16. Februar, Einlass 20.00 Uhr, Beginn ca. 21.00 Uhr
„Monarch“, Skalitzer Straße 134, 10999 Berlin, http://www.kottimonarch.de

Eintritt 15 € (AK), VVK 12 € (z.B. hier: www.koka36.de)

Kommt alle!

Herzlich,

Tom

Und hier das offizielle Plakat:

Warum werde ich nicht veröffentlicht? Oder: Die große Manuskriptverschickung

Im August und September 2010 ist im Literaturcafé eine fünfteilige Serie von mir erschienen, in der es um die Gründe dafür ging, warum von den vielen, vielen Manuskripten, die an die großen Verlage geschickt werden, nur so wenige erscheinen.

Hier die einzelnen Teile der Beitragsreihe:
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Nachtrag und Antwort auf die Kommentare