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Die Sonne ist eine Frau

Noch ein Beitrag zur Gendern-Debatte

Sprache ist ein Kommunikationsmittel. Zuweilen Gesten und Mimik ergänzend oder selbst um diese ergänzt, soll sie (Sprache ist weiblich?) dazu dienen, unsere Gedanken und Gefühle anderen zu vermitteln, was, technisch betrachtet, nahezu völlig unmöglich ist und bestenfalls annähernd gelingen kann. Wer je versucht hat, die unfassbare Trauer und alle damit einhergehenden Gedanken und Gefühle nach einem schlimmen Verlust in Worte zu fassen, weiß, dass Sprache unzulänglich ist, ein eher schwaches Hilfsmittel, aber das beste, das uns bislang zur Verfügung steht. Eigentlich aber weiß das jeder Mensch. Und es gilt auch im umgekehrten Fall des wahnwitzigen Glücks, wenn man so große, vertraute, umfassende Nähe zu jemandem empfindet, und in vielen anderen, ganz alltäglichen Fällen, genau genommen aber: andauernd. Diese Schnittstelle zwischen uns Menschen, die die Sprache bildet, ist alles andere als perfekt, sie ist oberflächlich und vereinfachend, und je komplizierter Sachverhalte sind, je mehr man in möglichst wenigen Worten sagen will oder muss, umso schwieriger wird es, aber manchmal sind es auch ganz simple Dinge, die sich kaum ausdrücken lassen. Etwa dieses Gefühl, wenn man einen langen Schluck eiskaltes, kristallklares, leicht sprudelndes Wasser trinken konnte, nachdem man großen Durst hatte. Jeder kann sich dieses Gefühl vorstellen, aber formulieren lässt es sich nicht. Umgekehrt kann man in einfachen Worten manchmal sehr viel sagen. Und gelegentlich zu viel.

 

Das Gute: Alle Beteiligten wissen das, denn wir alle nutzen dieselbe Sprache. Wir wissen auch, dass unser Lächeln nie ganz genau so ist, wie das Gefühl, das wir dabei empfinden, und wir wissen auch, dass unser Gegenüber möglicherweise nicht exakt einschätzen kann, was es zu bedeuten hat. Diese Unzulänglichkeit im Umgang miteinander ist Bestandteil unseres Daseins, sie ist Quelle eines Erfahrungsschatzes, sie ist manchmal sogar Werkzeug, sie lässt Interpretationen zu und, ja, Missverständnisse, sie hat subtile Zwischentöne und bietet ganz viel Raum für Kreativität und Phantasie. Wäre Sprache perfekt, müssten Schriftsteller nicht andauernd dieselben Geschichten in unterschiedlichen Worten erzählen, denn genau das tun sie, tagein, tagaus. Es gäbe höchstens zwanzig, dreißig Bücher, weil in ihnen alles gesagt wäre.

 

Ich kenne alle Argumente für das Gendern, und ein paar davon sind schlüssig. Und auch wenn ich nicht davon überzeugt bin, dass dies der richtige Weg zu einem fraglos guten Ziel ist, wird allein die Debatte darüber, wird der Diskurs (jedenfalls, wo er möglich ist und nicht unserer – derzeit stetig wachsenden – Neigung, zu fraktionieren und zu separieren, uns jederzeit klar zwischen Zustimmung und Ablehnung zu entscheiden, zum Opfer fällt) zur Folge haben, dass wir uns mehr Gedanken über nach wie vor bestehende Ungerechtigkeiten machen, gegen sie angehen und sie – möglichst gemeinsam – beseitigen.

Wir müssen endlich damit aufhören, unsere Unterschiedlichkeiten als Qualitätsmerkmale zu begreifen.

Das ist der Kern aller Problematiken, und das gilt in alle Richtungen. Es ist unfassbar und schwer zu ertragen, was vielen Menschen angetan wurde und wird, aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihres Glaubens oder Unglaubens, ihres Aussehens, ihrer körperlichen oder geistigen Fähigkeiten, ihrer sexuellen Neigungen, ihrer ethischen Vorstellungen, ihrer politischen Überzeugungen und aus vielen anderen Gründen. All dem liegt die Annahme zugrunde, absichtlich oder oktroyiert oder unbewusst, dass diese Merkmale etwas mit Wertigkeit zu tun haben. Aber der Umstand, dass es Ungleichbehandlungen oder sogar Misshandlungen aus solchen Gründen gibt oder gab, erhebt Betroffene nicht über alle anderen Menschen. Und übrigens gibt es Zwischentöne der Diskriminierung, zuweilen sogar ziemlich laute, denen sehr, sehr viele Menschen ausgesetzt sind oder werden, ohne dass sie sich je einer vermeintlich marginalisierten Community zugehörig fühlen oder fühlen wollen (oder es eine solche überhaupt gäbe). Und ebenfalls übrigens sind nicht wenige Menschen, die diskriminiert wurden oder werden, die misshandelt oder missachtet oder benachteiligt wurden oder werden, selbst in der einen oder anderen Weise mit ihrer eigenen Unfähigkeit konfrontiert, sich dem verlockenden Gefühl, anderen überlegen zu sein oder sich so zu verhalten, zu widersetzen.

 

Was hat das mit Sprache zu tun? Nun, die Behauptung, dass die Sprache nicht nur Werkzeug der Diskriminierung ist, was zweifelsohne zutrifft, genauso, wie sie Werkzeug der Erhebung, Preisung und des Lobes sein kann, sondern dass sie selbst bereits diskriminiert, dass sich also das Instrument sozusagen verselbständigt hat (oder so intendiert war) und ohne Anwendung durch Menschen Diskriminierung ausübt, diese Behauptung steht im Raum und führt derzeit an vielen Orten – freiwillig oder auf mehr oder weniger sanften Druck einer gut organisierten „Öffentlichkeit“ – dazu, dass gegendert wird und dass Partizipkonstruktionen angewendet werden, was nur der Anfang ist. Einfach gesagt: Die Annahme, beispielsweise Frauen wären nur „mitgemeint“, wenn ein Substantiv verwendet wird, dessen Singular im generischen Maskulin steht und diesem entspricht (der Mensch), gilt sozusagen als beschlossene Sache. Wenn ich also von Lesern spreche, von Abonnenten und Kunden, dann rede ich, so diese Annahme, in der Hauptsache von Männern, und ich meine Frauen oder Menschen, deren biologisches Geschlecht uneindeutig oder überhaupt nicht vorhanden oder im Wandel ist oder die sich ihres Geschlechts nicht sicher sind oder sein wollen, höchstens etwas herablassend, sozusagen als Minderheit, als geringer geschätztes Anhängsel mit, während ich aber in der Hauptsache von Männern rede. Diese (hier sehr verkürzt wiedergegebene) Annahme ist das Axiom, das hinter sämtlichen Bemühungen steht, die Sprache selbst gerechter zu gestalten, und bedauerlicherweise wird es inzwischen von nicht wenigen der Einfachheit halber als wahr angenommen. Wir streiten kaum mehr über solche Grundsatzfragen; die überwiegend sehr akademische Diskussion, die übrigens einen Großteil der Bevölkerung aktiv wie passiv ausschließt und dies nach meinem Dafürhalten in voller Absicht tut, hat sich längst hiervon entfernt.

 

Aber ich meine Frauen nicht etwas herablassend mit, wenn ich von „meinen“ Lesern spreche. Mir ist das Geschlecht meiner Leser völlig egal, und wenn ich einen Satz wie „Meine Leser mögen offensichtlich die Art und Weise, wie ich mit Sprache umgehe“ schreibe, sehe ich weder hängendes Gekröse vor mir, noch vermisse ich auf irgendeinem Bild Geschlechtsmerkmale anderer Art. Ich sehe überhaupt kein Bild von einzelnen Menschen (obwohl ich mir natürlich mehr Leser wünsche) – ich verwende einen Oberbegriff. Der alle Geschlechter einschließt, und überhaupt alle körperlichen Merkmale, und sämtliche Ethnien und Glaubensrichtungen und sexuellen Orientierungen und was weiß ich noch alles. Ich habe kein Bedürfnis, das zu präzisieren, ich muss kein Binnen-I und kein Gendersternchen verwenden, um Frauen zu signalisieren, dass sie auch meine Leser sind, denn das wissen sie selbst, denn sie sind mit dem Oberbegriff nicht mitgemeint, sondern gemeint. Es gibt keine Notwendigkeit, hier etwas explizit zu nennen, das längst Bestandteil ist. Und zwar nicht als Minderheit, als qualitativ niederwertige Gruppe darin, als marginalisiertes Anhängsel, sondern als abstrakte Person ohne Geschlecht, ohne Neigungen, ohne als Qualitätsmerkmal missverstandene Eigenschaft, als irgendwas. Leser, das sind (beliebige, irgendwelche, alle) Menschen, die Bücher lesen.

 

Ja, ich kenne die Beispiele. „Von zwei Ärzten war einer schwanger“, aber – wer sagt denn sowas? Genausowenig erklärt man: „Von zehn Kund*innen haben zwei ihre Penisse verletzt, als sie mit dem Staubsauger zu masturbieren versuchten“. Wo Verkürzungen und abstrakte Begriffe Sinn haben, wendet man sie an, und wo man präziser werden muss oder sein möchte (!) und wo man von konkreten Personen spricht, formuliert man anders, gerne auch ausführlicher. Aber es gibt keine Notwendigkeit, immerzu „mitzuerwähnen“, dass Leser oder Soldaten oder Politiker oder Soziologen oder Kandidaten oder Wähler auch weiblich sein können, oder nichtbinär, oder dick oder dünn oder idealgewichtig oder blond oder braunhaarig oder glatzköpfig oder erkrankt oder gesund oder gottesfürchtig oder atheistisch oder klug oder minder intelligent oder groß oder klein oder alt oder jung oder fortschrittlich oder konservativ oder politisch uninteressiert oder reaktionär oder fit oder schlapp oder oder oder oder oder. Es ist deshalb nicht notwendig, es mitzuerwähnen, weil es enthalten ist. Das Axiom ist falsch. Es ist nicht erkennbar enthalten, das Wort bringt all dies nicht in einer Weise zum Ausdruck, die einen daran denken lässt, wie vielschichtig und vielfältig unser Menschsein ist, aber das ist auch nicht seine Aufgabe. Und hier liegt das Missverständnis. (Und darin, aber das wollte ich mir eigentlich ersparen, weil es schon häufig genug erwähnt wurde, dass Genus und Sexus nicht dasselbe sind.)

 

Ich weiß nicht, ob es Männer gibt, die wütend zum sonnenbeschienenen Himmel schauen, weil der größte Körper in unserem System mit einem weiblichen Artikel versehen ist, während dieses kleine Kügelchen Geröll, das die weibliche Erde umkreist, generisch männlich sein darf. Ich denke, die meisten Menschen werden sich einfach überhaupt keine Gedanken darüber machen, und sie werden auch keine Wertung vornehmen: Ah, die Sonne ist besser, weil sie weiblich ist, aber der Mond ist scheiße, das ist nur ein Mann, sogar ein alter und grauer. Wir wissen, dass es drei Artikel in der deutschen Sprache gibt, und wir wenden sie an, wie wir viele Begriffe anwenden und damit in der Anwendung etwas meinen, und das ist bei denselben Worten selten immer das gleiche. Es ist uns unmöglich, das, was wir meinen, präzise in den Köpfen ankommen zu lassen, die auf den Körpern derjenigen Menschen sitzen, die unsere Äußerungen zur Kenntnis nehmen müssen.

 

Wir müssen ohne Zweifel viel achtsamer im Umgang miteinander sein, wir müssen anerkennen, dass es Menschen gibt, die die Geschichte geprägt haben, und andere, die dabei außenvor gelassen wurden (und dass es gegenwärtige Menschen gibt, für die beides nicht gilt). Wir müssen aber auch unsere Unzulänglichkeiten akzeptieren, und die Tatsache, dass sie durch Gruppendenken verstärkt werden. Wir müssen Meinungen respektieren und weiter, nein, wieder differenzieren. Wir müssen dem gerechten Zorn begegnen und dabei helfen, ihn in sinnvoller Weise zu kanalisieren, aber wir dürfen uns nicht massakrieren, auch nicht auf Nebenschauplätzen, wie der Sprache, die niemals gerecht sein kann, weil das keine Eigenschaft eines Werkzeugs ist, sondern eine Eigenschaft derjenigen, die ein Werkzeug anwenden.

 

Wenn Menschen das Bedürfnis haben, auf die Tatsache hinzuweisen, dass die Welt nicht gerecht ist, indem sie eine besondere Sprache verwenden, dann verdient das Anerkennung und Respekt. Respekt verdient aber auch die Entscheidung, diesen Weg nicht zu gehen, sondern einen anderen zu wählen, der möglicherweise – niemand weiß das – sogar schneller und gerechter zum Ziel führt. Oder sich für einen all der möglichen Zwischentöne zu entscheiden, hin und wieder einen längeren Satz zu sagen oder zu schreiben, ohne dazu erpresst worden zu sein, und ansonsten dort, wo es möglich ist, dabei mitzuhelfen, dass wir alle besser miteinander zurechtkommen.

Der Streit ums Urheberrecht, Folge 2839 (geschätzt)

Die Situation grenzt ans Absurde. Atemlos eilt der technische Fortschritt voran, eröffnet neue Möglichkeiten – für den Gebrauch, aber auch für den Missbrauch. Das ist bei jeder Entwicklung immanent; so gut wie alles, das sich Menschen ausgedacht haben, kann man so oder so nutzen. Ein Brotmesser ist ein hilfreiches Haushaltsgerät, mit dem man anderen jedoch auch gehörigen Schaden zufügen kann, sogar vorsätzlich, aber das sollte man natürlich nicht tun. Das verstößt nicht nur gegen Gesetze, sondern auch gegen die ungeschriebenen Regeln des menschlichen Zusammenseins, die wir unter dem Begriff „Zivilisation“ zusammenfassen.

Vor ein paar Tagen schwappten irre Zahlen aus den Staaten herüber: Fünfundzwanzig Millionen Mal war die neueste Staffel einer HBO-Fernsehserie illegal „gedownloadet“ worden, „Spiegel online“ titelte: „Wer nicht verkauft, wird halt beklaut.“ Dem stand eine Einschaltquote von vier Millionen bei der kostenpflichtigen Erstausstrahlung gegenüber – sechs Mal so viele Leute konnten und wollten die legale Verfügbarkeit nicht abwarten und enteigneten einfach. Die Ursache, gar Schuld hierfür wird aber nicht bei jenen gesucht, sondern bei der Produktionsfirma, die ein begründungsloses „Recht“ der Downloader ignorierte und nicht rechtzeitig ihrer „Pflicht“ nachkam, deren „Bedürfnisse“ zu befriedigen. Wenn Du keinen Sex mit mir willst, …

Parallel nimmt die Diskussion über Kulturklau und -verfügbarkeit immer irrere Züge an. Die Parteien peitschen sich Unterschriftenlisten um die Ohren, bedrohen einander, sondern im Stundenrhythmus Kommentare, Blogeinträge, Kampfschriften und Manifeste ab. Von der Öffentlichkeit bestenfalls am Rande wahrgenommen, tobt augenscheinlich ein erbitterter Streit, in dessen Zentrum etwas steht, mit dem Otto Normalbürger bis in die späten Neunziger so gut wie nie konfrontiert wurde: Das Urheberrecht. Das Internet hat diesem Recht zu neuer Relevanz verholfen, denn nirgendwo sonst und zu keiner anderen Zeit war es verletzlicher.

Das Urheberrecht ist ein Bürgerrecht, das fast in Augenhöhe neben dem Eigentumsrecht steht, also jenem Recht, das den Besitz materieller Güter schützt. Das Recht, materielle Güter zu behalten, die wir legal erworben haben, steht – jedenfalls vorläufig noch – felsenfest, wohingegen die jüngere zivilisatorische Errungenschaft, die Geistesleistungen schützt, und die Grundlage nicht nur für kommerzielle Kunst und Unterhaltung ist, leichthin zur Disposition gestellt wird. Das kommt einem Rückfall in die Zeit vor der Aufklärung gleich, als Kreative nichtswürdig waren und allein materieller Reichtum zählte, Kreativität aber kaum etwas, wenn man nicht das seltene Glück hatte, über einen Mäzen zu verfügen.

Viele, die ungefragt oder erbeten mitdiskutieren, scheinen nicht zu wissen, wozu dieses Recht eigentlich gut ist und was es besagt. Einfach ausgedrückt: Der Schöpfer eines konkreten (in diesem Fall künstlerischen) Werkes darf allein darüber entscheiden, was mit diesem Werk geschieht. Mit „konkretes Werk“ ist eine Geistesleistung gemeint, die eine gewisse Schöpfungshöhe erreicht, sich also von anderen und vom Allgemeingut abhebt; das Urheberrecht schützt keine Ideen, keine Aussagen und auch nicht „Wissen“, wie viele pseudoeloquent behaupten. Es schützt beispielsweise auch nicht Plot und Setting eines Romans, sondern nur diesen speziellen Roman – insgesamt und auszugsweise. Das Urheberrecht ist nicht, wie sogar manch ein Nachwuchsautor meint, übertragbar und kann auch nicht veräußert werden; es ist an die Persönlichkeit des Urhebers gebunden. Im Gegensatz zum materiellen Eigentumsrecht endet es jedoch 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers; seine Werke werden nach dieser Schutzfrist „gemeinfrei“, können also weitergegeben werden, ohne jemanden hierfür zu vergüten, aber umschreiben oder als eigene Werke ausgeben darf man sie auch dann nicht. Diese Verjährung soll gewährleisten, dass kulturelle Leistungen, die so bedeutend waren, dass sie selbst Jahrzehnte nach dem Tod des Schöpfers noch interessant sind, auch der Allgemeinheit zur Verfügung stehen und also Bestandteil des kulturellen Erbes einer Gesellschaft werden.

Das Urheberrecht ist also dafür da, immaterielles Eigentum zu sichern. Das betrifft nicht nur „Kunst“ und Unterhaltung, sondern auch viele andere Bereiche, von der Architektur über das Design und die konkrete Inszenierung eines Theaterstücks bis zur Softwareentwicklung. Woran jemand lange und intensiv gearbeitet hat, um schließlich eine eigenständige, kreative Schöpfung zu präsentieren, das gehört ihm auch. Er besitzt fraglos auch die Freiheit, auf die hiermit verbundenen Rechte zu verzichten, was nicht wenige regelmäßig tun, aber im Normalfall schützt das Urheberrecht eben jene Arbeit und ihr Ergebnis. Dass das Urheberrecht auch vieles mitschützt, an dessen Schutz nicht einmal der Urheber selbst interessiert ist (etwa Privatfotos), ist ein Randproblem, das aber nichts rechtfertigt.

Dieses Ergebnis nun lässt sich heutzutage in vielen Fällen durch Daten repräsentieren, was vor allem für Texte, Musik, Fotos, Filme und Software gilt. Digitale Daten verfügen über den Vorteil, beliebig oft reproduzierbar zu sein, ohne dass ein qualitativer Verlust entsteht. Dieser Vorteil wird von jenen, die „im Internet“ – beabsichtigt oder nicht – Rechtsbrüche begehen, weidlich genutzt. Der Vorgang ist mit keinem oder nur sehr geringem Aufwand verbunden, und die Struktur des weltweiten Netzes, dessen Designschwächen sich nicht nur an dieser Stelle zeigen, lässt bisher zu, dass derlei überwiegend ungestraft geschehen kann. Daraus wird in der aktuellen Diskussion häufig das „Recht“ abgeleitet, dies eben auch zu tun. Als Begründung hierfür muss herhalten, dass es einerseits sehr leicht ist, zweitens von vielen praktiziert wird und drittens praktisch kaum zu ahnden ist, ohne wesentliche Strukturen zu ändern. Manch ein Zeitgenosse gießt das sogar in ein originelles, überaus egoistisches „Bürgerrecht auf Vervielfältigung“, obwohl es genau das Gegenteil davon ist, nämlich der Bruch eines Bürgerrechts. Hiervon abgesehen ist es ein mehr als halbseidenes, tendentiell jedoch asoziales Argument, den Bruch von Rechten legalisieren zu wollen, nur weil sie im speziellen Fall so schwierig zu gewährleisten sind. Es macht zivilisierte Gesellschaften aus, Rechte anderer auch dann zu achten, wenn der Verstoß gegen sie leicht und nahezu gefahrlos ist. Würden wir alle den dieser Argumentation zugrundeliegenden Gedanken verinnerlichen, wären wir von einer äußerst bedrohlichen Vorform der Anarchie nicht mehr weit entfernt.

Das amerikanische Pendant zum deutschen Urheberrecht heißt Copyright – das Recht, zu kopieren. Vor der Installation des Urheberrechts waren Künstler, die keine Unikate hergestellt haben, auf das Wohlwollen der Feudalherren angewiesen, aber die Möglichkeit, von der konkreten Leistung zu profitieren, hatte letztlich jeder andere. Aus diesem Vasallentum wurden sie mit der revolutionären Idee, immaterielles Eigentum dem materiellen nahezu gleichzustellen, befreit, und diese Entwicklung ist längst nicht nur die Grundlage der gesamten Gegenwartskultur und der Unterhaltungsindustrie. Das Urheberrecht betrifft nicht nur Musik, Prosa und Filme, sondern weit mehr; es betrifft beinahe jedes Gewerbe, das etwas entwickelt.

Ein Künstler, der ein reproduzierbares Werk hergestellt hat, profitiert hiervon, indem er dieses Recht, zu kopieren, allein wahrnehmen oder andere mit der Wahrnehmung beauftragen kann. Ein Text an und für sich hat noch keinen Wert, vor allem keinen materiellen – dieser entsteht erst durch die Verwertung. Vieles, was an Kunst so hergestellt wird, erreicht diese Verwertungsphase nie, was manchmal bedauerlich, meistens aber ein wirksamer Schutz der Konsumenten vor noch mehr Unsinn ist. Während also jemand, der ein Haus gebaut oder ein Auto gekauft hat, auf einen materiellen Wert verweisen kann, der sich jederzeit berechnen, aber auch wieder zu Geld machen lässt, generieren urheberrechtlich geschützte Werke ihren Wert erst über die verkauften Kopien, und zwar jede einzelne davon. Das mag in originellen Sonderfällen, wenn Künstler quasi über Nacht Milliardäre werden, ein wenig ungerecht erscheinen, im Normalfall aber verdienen die vielen Hunderttausend frei Kulturschaffenden kaum mehr als ein angestellter Facharbeiter – in vielen Fällen jedoch weit weniger (was übrigens nicht an der „bösen Verwertungsindustrie“ liegt, sondern hauptsächlich daran, dass das Angebot die Nachfrage bei weitem übersteigt).

Dieser Tatsache begegnen jene, die die Abschaffung oder wenigstens Aufweichung des Urheberrechts fordern, mit originellen, scheinbar futuristischen „Geschäftsmodellen“, von denen jedes weitere noch absonderlicher ist als das vorige. So skizzierte ein taz-Kolumnist kürzlich (am 9.5.2012) eine Art Schneeballsystem, ohne seinen haarsträubenden Rechenfehler zu bemerken oder bemerken zu wollen, während andere darauf verweisen, dass einige Bands die freien Downloads ihrer Alben durchaus durch „Spenden“ gegenfinanziert hätten, und außerdem wäre jeder Künstler doch wohl dazu in der Lage, etwaige Ausfälle durch Live-Auftritte zu kompensieren. Verkürzt gesagt: Ich klaue Dir Dein Auto, lasse Dir aber einen Metallblock da, aus dem Du mit etwas gutem Willen ein neues bauen könntest. Jeder, der solche Geschäftsmodelle propagiert, mag sie in leicht abgewandelter Form auf sein eigenes Erwerbsleben adaptieren – er wird, wenn er ehrlich zu sich ist, schnell zu dem Schluss kommen, dass es ein sehr ärmliches wäre, sich tendentiell aber überhaupt nicht mehr lohnen würde. Den Künstlern aber wird die Rückkehr zur sprichwörtlichen Brotlosigkeit als praktische Verneigung vor dem Zeitgeist und den Missbrauchsmöglichkeiten des technischen Fortschritts einfach so nahegelegt.

Dabei geht es bei all dem eigentlich überhaupt nicht um das Urheberrecht. Wenn etwa eine Verkürzung der Schutzfristen gefordert wird (wir erinnern uns: 70 Jahre bis zur Enteignung), was bestenfalls die Qualität eines Hebels hat, denn auch bei einer Verkürzung auf zehn oder zwanzig Jahre wäre das Interesse etwa an Lady Gagas Ergüssen längst abgeebbt, verschiebt dies den Kern der Diskussion nur weiter, um vom eigentlichen Problem abzulenken. Dass es nichts mehr zu „sharen“ gäbe, wenn die „Sharer“ mit ihren Forderungen erfolgreich wären, wissen diese letztlich selbst (am Rande – Begriffe wie „Tausch“ – ich gebe meines weg, bekomme dafür deines – und „Sharing“, also „Teilung“ – die Menge bleibt gleich und verringert sich für den Einzelnen mit jeder Teilung – sind irreführend und falsch; im Internet gibt es weder Tausch, noch Teilung, sondern immer nur Multiplikation). Ausgangspunkt der gesamten Debatte sind tatsächlich die Ideen für eine verbesserte Kontrolle und einfachere Verfolgungsmöglichkeiten, also Ansätze wie das – möglicherweise zu recht – vielgescholtene „ACTA“. Diese sollen es erlauben, gegen Urheberrechtsverstöße und illegalen Handel mit gefälschter Markenware leichter vorgehen zu können, was bisher so gut wie – aber nicht völlig – unmöglich ist. Mit der Installation dieser Systematiken (es sind Handelsabkommen), so befürchten viele, würde „das Internet“ beschnitten werden, gäbe es also Freiheiten nicht mehr, die derzeit vermeintlich existieren. Damit ist nicht notwendigerweise die „Freiheit“ gemeint, urheberrechtlich geschützte Werke nach Belieben zu kopieren, sondern eher jene, sich weitgehend anonym nach Herzenslust auszutoben. Gäbe es aber, so der Gedanke, das nicht mehr, was geschützt werden soll, müssten auch keine Mechanismen installiert werden, um es zu schützen. Bestechend einfach, aber leider sehr kurz gedacht. Die Liste der Straftaten, deren Straftatbestände man einfach abschaffen müsste, um sie auch nicht mehr „im Internet“ (oder gar außerhalb der Virtualität, was nur konsequent wäre) verfolgen zu müssen, wäre sehr lang – man muss nicht einmal Exponenten wie die Verbreitung von kinderpornografischem Material nennen. Die Naivität dieses Ansatzes hat etwas Rührendes, was nur wenige daran hindert, ihn als „neues Denken“ zu verkaufen.

 

Mal davon abgesehen, dass es, wie gesagt, alsbald kaum mehr etwas zum „Sharen“ gäbe, wäre die kommerzielle Kultur flächendeckend auf die neuen, bestenfalls im Erstanwendungsmoment funktionierenden „Geschäftsmodelle“ angewiesen, ist vor allem die Idee, etwas zu legalisieren, das bis dato illegal ist, aber vermeintlich jeder tut (auch das ist eine weitgehend unbewiesene Behauptung, wovon im Rahmen dieser Diskussion hunderte verwendet werden), eben grundfalsch. Wenn man sich im PKW fortbewegt, gewinnt man den Eindruck, nahezu jeder andere Fahrzeuglenker würde die Geschwindigkeitsbegrenzungen missachten, aber dieser Eindruck ist erstens ein persönlicher (!), zweitens wahrscheinlich unrichtig und drittens vor allem keine sinnvolle Begründung dafür, einfach alle Geschwindigkeitsbegrenzungen abzuschaffen. Gesellschaften funktionieren nicht, indem man jeden Einzelnen jederzeit – etwa durch permanente Überwachung – dazu zwingt, die Regeln einzuhalten und den Anderen zu achten, sondern dadurch, dass die Menschen begreifen, dass diese Regeln zum Schutz da sind – durchaus auch zum eigenen Schutz. Adaptiert auf die Kopiersituation im Netz bedeutet das: Es mag sinnvoll sein, die Kontrolle zu intensivieren, aber zuvorderst muss die Sensibilität dafür erhöht werden, dass man Schaden anrichtet – Schaden, der irgendwann auch auf einen selbst zurückfällt. Denn das Urheberrecht ist nicht nur (eigentlich überhaupt nicht) der Garant für Künstler, einen kurzen Moment des Musenkusses in wahnwitzigen Reichtum zu verwandeln, sondern nicht weniger als das Fundament unserer gesamten Gegenwartskultur.

 

Also, Leute. Benutzt das Brotmesser, um Euch leckere Stullen zu schmieren. Und lasst es einfach ansonsten in der Küchenschublade. Es gibt so viel kostenlose und/oder gemeinfreie Kultur, dass man mehrere hundert Leben bräuchte, um all das zu konsumieren. Ja, es ist ärgerlich, wenn es etwas Brandneues gibt, von dem man auch noch glaubt, es unbedingt und um jeden Preis sofort haben zu wollen. Aber erstens muss man das nicht wirklich – und außerdem ist das Brandneue morgen auch noch großartig, wenn man legal rankommt und damit zugleich gewährleistet, dass es übermorgen mehr Brandneues gibt.