{"id":975,"date":"2026-07-16T17:17:38","date_gmt":"2026-07-16T15:17:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tomliehr.de\/?p=975"},"modified":"2026-07-16T17:17:38","modified_gmt":"2026-07-16T15:17:38","slug":"brandmauern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tomliehr.de\/?p=975","title":{"rendered":"Brandmauern"},"content":{"rendered":"<p>Dieser <em>fiktive<\/em> Text (ich bin Schriftsteller, kein Journalist) ist im Fr\u00fchsommer entstanden. Er thematisiert etwas, das hoffentlich nicht nur mir sehr am Herzen liegt.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.tomliehr.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/brandmauern.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-976 size-large\" src=\"https:\/\/www.tomliehr.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/brandmauern-1024x683.png\" alt=\"\" width=\"604\" height=\"403\" srcset=\"https:\/\/www.tomliehr.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/brandmauern-1024x683.png 1024w, https:\/\/www.tomliehr.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/brandmauern-300x200.png 300w, https:\/\/www.tomliehr.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/brandmauern-768x512.png 768w, https:\/\/www.tomliehr.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/brandmauern.png 1536w\" sizes=\"auto, (max-width: 604px) 100vw, 604px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unser Hinterhof ist ein Paradies mitten in der Stadt. Das f\u00fcnfst\u00f6ckige Mietshaus aus der Gr\u00fcnderzeit, in dem wir im dritten Stock eine sch\u00f6ne Altbauwohnung haben, liegt in einer Nebenstra\u00dfe im <em>etwas<\/em> netteren Teil von Kreuzberg. Unsere Wohnung geht nach hinten raus, und weil das Haus, das in Richtung der s\u00fcdlich von uns gelegenen Nebenstra\u00dfe stand, schon vor Jahren abgerissen wurde, liegt zwischen den Brandmauern der Nachbarh\u00e4user eine Gr\u00fcnfl\u00e4che, die zu unserem Grundst\u00fcck geh\u00f6rt. Unser Innenhof reicht praktisch bis zur n\u00e4chsten Stra\u00dfe. Die Mietergemeinschaft hat sich dort ein gr\u00fcnes Refugium geschaffen, in Abstimmung mit den Eigent\u00fcmern, und wenn man sich rechtzeitig anmeldet, kann man, wie wir heute, dort einen Grillabend mit Freunden veranstalten. Und wenn die Nachbarn dazukommen, wird es umso lustiger. Zum Beispiel die Kr\u00e4mers von \u00fcber uns, die seit f\u00fcnf Jahren regelm\u00e4\u00dfig ein neues Kind kriegen, oder die Y\u00fccels von schr\u00e4g gegen\u00fcber \u2013 sie ist Journalistin und er Lehrer in einer Brennpunktschule im Bezirk. Oder Jens und Holger, die sich selbst \u201eunsere Haustucken\u201c nennen und eine Szenebar am S\u00fcdstern haben. Okay, es gibt auch ein paar weniger nette Mieter, das ist ja immer so. Aber grunds\u00e4tzlich f\u00fchlen wir uns hier pudelwohl.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und heute besonders. Weil wir unsere Freunde eingeladen haben, weil das Wetter schlicht gottvoll ist, weil Sonja beim Fleischer am Kotti sensationelle Steaks abgegriffen hat, weil unsere Jessy gerade den MSA bestanden hat und das Abi in Angriff nehmen k\u00f6nnte. Weil das Leben so sch\u00f6n sein kann. Nein, <em>ist<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin in Frankfurt an der Oder geboren worden, aber mein alleinerziehender Vater ist mit mir Anfang der Achtziger nach Berlin gezogen: Berlin, Hauptstadt der DDR. Die anderen, die dr\u00fcben, haben es <em>Ostberlin<\/em> genannt, durchaus etwas abf\u00e4llig, und wir mussten umgekehrt Westberlin sagen, um zu verdeutlichen, dass es nach offizieller Politik drei Staaten gab. Als die Mauer gefallen war, habe ich einen Job in einer Computerfirma in Charlottenburg bekommen, also in Westberlin, und dort habe ich Sonja kennengelernt, die schon ihr ganzes Leben dort verbracht hatte, also in Westberlin. Kurz darauf schien all das West-Ost-Zeug vergessen zu sein. Die Spuren verschwanden, die Welt \u00e4nderte sich, alles schien sich zu gl\u00e4tten, und obwohl es Sch\u00e4den gab, die bei solchen Mammutaufgaben wohl niemals zu vermeiden sind, schien es allen allm\u00e4hlich besser zu gehen.<\/p>\n<p>Deutlich besser. Als je zuvor.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich kenne Anke und Maik schon seit meiner Jugend. Ich bin mit Maik auf die Polytechnische gegangen, wir waren gleichzeitig f\u00fcr drei Jahre in der NVA, um studieren zu d\u00fcrfen, und wir haben zusammen dar\u00fcber nachgedacht, wie wir an unsere Traum-Studienpl\u00e4tze kommen, ohne in die Partei eintreten zu m\u00fcssen. Viel sp\u00e4ter und fast zur gleichen Zeit, als ich Sonja traf, lernte er Anke kennen, Anke aus Stralsund. Sie sind seit f\u00fcnfundzwanzig Jahren verheiratet, wohnen in einem h\u00fcbschen Haus mit weitl\u00e4ufigem Garten n\u00f6rdlich von Potsdam, haben zwei hinrei\u00dfende Kinder, die beide erwachsen sind, besitzen zwei Autos und fahren dreimal im Jahr in den Urlaub. Anke ist Abteilungsleiterin bei einem B\u00fcromaterialversand, Maik ist im Vertrieb eines Softwareunternehmens. Die gr\u00f6\u00dfte Sorge, die die beiden zu kennen scheinen, besteht darin, ob im Sommer, wenn sie ihr Stamm-Ferienhaus auf Sardinien beziehen, f\u00fcnfundzwanzig oder f\u00fcnfunddrei\u00dfig Grad im Schatten sind. Anke und Maik scheint sprichw\u00f6rtlich die Sonne aus dem Arsch. Maik ist nur dann verzweifelt, wenn Union einem Abstiegsplatz entgegenfu\u00dfballert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir sind zu zehnt, als wir an der langen Tafel sitzen. Die vielen Hortensien um uns herum bl\u00fchen, es duftet nach ihnen und nach dem ersten Fleisch auf dem Grill. Mein Homepod spielt Musik, in diesem Moment l\u00e4uft \u201eI dare you\u201c von The xx. Sonja und ich tanzen gerne zu diesem Lied. Jens und Holger sind gerade vorbeigekommen, habe eine Flasche Prosecco auf den Tisch gestellt und angek\u00fcndigt, sp\u00e4ter dazuzusto\u00dfen, weil sie jetzt noch etwas zu erledigen h\u00e4tten; dabei hat Jens anz\u00fcglich gezwinkert. Erg\u00fcn, den ich seit dem Studium kenne, erz\u00e4hlt soeben davon, dass er und Carola m\u00f6glicherweise ein Haus in Kleinmachnow kaufen wollen. Das w\u00e4re nicht weit weg, quasi um die Ecke von Berlin. Die Perle im Speckg\u00fcrtel. Und so sch\u00f6n gr\u00fcn und entspannt und \u00fcberhaupt.<\/p>\n<p>\u201eAu\u00dferdem\u201c, sagt er. \u201eIst das der einzige Landkreis in Brandenburg, der bei der letzten Wahl nicht blau war.\u201c<\/p>\n<p>\u201eBraun\u201c, korrigiert Malte Kr\u00e4mer.<\/p>\n<p>\u201eDen kriegen wir auch noch\u201c, sagt Maik laut, lacht und greift nach seinem Bier.<\/p>\n<p>Schlagartig ist es still am Tisch, nur Romy Crofts Stimme ist aus dem Homepod zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>\u201eMeinst du das ernst?\u201c, fragt Erg\u00fcn freundlich.<\/p>\n<p>Maik nickt fr\u00f6hlich, aber zugleich ist da etwas sehr Ernstes an ihm. \u201eHier darf man doch wohl noch seine Meinung sagen, oder?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bei einigen verstehe ich es. Ich habe kein Verst\u00e4ndnis, nicht das allergeringste, aber ich verstehe es. Bei denen, die sich abgeh\u00e4ngt f\u00fchlen, die sich ausgegrenzt glauben, weil sie wei\u00df und M\u00e4nner und Handarbeiter sind. Bei denen, die rund um die Uhr vor social media h\u00e4ngen und nicht begreifen, dass sie von einem Propagandavideo zum n\u00e4chsten wischen und unaufh\u00f6rlich manipuliert werden, und zwar von Leuten, denen Menschen egal sind. Bei denen, die sowieso voller Hass und Angst sind und glauben, jetzt endlich die Gelegenheit zu haben, ein W\u00f6rtchen mitzureden, obwohl das niemals passieren wird. Bei denen, die als Transphobe oder Rassisten oder Sexisten oder Ableisten beschimpft werden, weil sie etwas gesagt haben, das sie selbst nicht f\u00fcr abwertend hielten, nicht einmal f\u00fcr unfreundlich. Bei denen, die sich w\u00fcnschen, dass ihnen jemand erkl\u00e4rt, wo es langgeht. Ich verstehe das, aber ich habe kein Verst\u00e4ndnis. Null. Bei denen, die meinen, die DDR w\u00e4re ausgeraubt worden, obwohl das eher das Gegenteil der wahren Geschichte ist. Bei denen, die auf zwanzig Quadratmetern im f\u00fcnfzehnten Stock am Rand von Marzahn wohnen und denken, sie h\u00e4tten einen Anspruch auf ein Seegrundst\u00fcck an der Ostsee, weil da, wie man ihnen erz\u00e4hlt hat, die ganzen Fl\u00fcchtlinge wohnen. Ich verstehe das, aber ich habe kein Verst\u00e4ndnis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Maik ist mein Freund. Ich kenne ihn schon so lange, seine Freundlichkeit, seine Gro\u00dfz\u00fcgigkeit, seinen unfassbar liebevollen und aufopfernden Umgang mit der Familie, seine Loyalit\u00e4t, seine lustige Kreativit\u00e4t, seine Ungeschicklichkeit bei handwerklichen Sachen, seine Trinkfestigkeit, seine Begeisterungsf\u00e4higkeit. Wir haben nie viel \u00fcber Politik gesprochen, das war einfach kein Thema, aber wir waren zweimal dabei, als die Glatzen einen Klub \u00fcberfallen und den Zecken, wie sie die Leute aus der linken Szene nannten, alle Z\u00e4hne rausgedroschen haben. Restlos. In meiner Erinnerung haben wir beide geholfen, die Zecken zu verteidigen. Von einem dieser Abende habe ich noch eine Narbe an der Schl\u00e4fe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und jetzt sagt der sowas. Bei <em>ihm<\/em> verstehe ich es nicht. Null. Nada. Niente. Da ist nur ein Vakuum, wo es Gr\u00fcnde geben k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stehe auf und schaue nach links und nach rechts. Dort stehen die Brandmauern der H\u00e4user beiderseits unseres Hauses. Sie waren und sind daf\u00fcr da, zu verhindern, dass ein Feuer von einem Haus zum anderen \u00fcberspringen kann. Damit nicht alles niederbrennt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich stehe da und wei\u00df nicht, was ich tun soll, was ich sagen soll. Sonja schaut mich an; sie sieht genauso verzweifelt aus, wie ich mich f\u00fchle. Verzweifelt und traurig und voller Angst. Wir k\u00f6nnen doch nicht einfach die gesamte Gesellschaft zerhacken. Wir k\u00f6nnen doch nicht Familien und Freundschaften zerrei\u00dfen. Es muss doch einen Weg geben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ich kann das auch nicht herunterschlucken. Ich k\u00f6nnte etwas erwidern; ich w\u00fcsste tausend Argumente, mindestens. Weil das so falsch ist, wie etwas nur falsch sein kann. Aber ich wei\u00df im selben Augenblick, dass ihn keines davon erreichen wird. Sie haben unsere Schnittmengen pulverisiert. Das geh\u00f6rt zum Konzept: Es gibt keinen kleinsten gemeinsamen Nenner mehr, irgendwas Moralisches, Ethisches, Faktisches, das uns verbindet. Diese Dinge spielen keine Rolle mehr. Wenn ausreichend viele Leute nein sagen, wird etwas zur Wahrheit, das in Wahrheit das Gegenteil davon ist. Wir stehen nicht mehr auf demselben Boden.<\/p>\n<p>Erst jetzt bemerke ich, dass mich Maik die ganze Zeit ansieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch kann deine Gedanken lesen\u201c, sagt er und steht auf. Anke bleibt noch zwei Anstandssekunden lang sitzen, greift kurz nach Sonjas Hand, und steht dann ebenfalls auf. Sie macht eine zaghafte Abschiedsgeste in die Runde, die von niemandem erwidert wird. Malte Kr\u00e4mer deutet ein Kopfsch\u00fctteln an.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMan sieht sich\u201c, sagt Maik l\u00e4chelnd und nickt mir zu. Ich reagiere nicht. Dann gehen die beiden in Richtung Grundst\u00fcckstor. Anke ist schon drau\u00dfen, als sich Maik noch einmal zu uns umdreht. Er hebt den rechten Arm langsam, und ich bekomme eine G\u00e4nsehaut, weil ich mich vor dem \u00e4ngstige, was jetzt geschehen k\u00f6nnte. Aber sein Arm macht er auf halber Strecke halt, Maik streckt ihn mir entgegen, formt seine Hand zu einer Pistole, zielt auf mich und sagt: \u201ePeng!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieser fiktive Text (ich bin Schriftsteller, kein Journalist) ist im Fr\u00fchsommer entstanden. Er thematisiert etwas, das hoffentlich nicht nur mir sehr am Herzen liegt. Unser Hinterhof ist ein Paradies mitten in der Stadt. 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