{"id":599,"date":"2021-03-12T13:09:16","date_gmt":"2021-03-12T11:09:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.tomliehr.de\/?p=599"},"modified":"2023-04-11T18:27:15","modified_gmt":"2023-04-11T16:27:15","slug":"die-sonne-ist-eine-frau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.tomliehr.de\/?p=599","title":{"rendered":"Die Sonne ist eine Frau"},"content":{"rendered":"<p><em>Noch ein Beitrag zur Gendern-Debatte<\/em><\/p>\n<p>Sprache ist ein Kommunikationsmittel. Zuweilen Gesten und Mimik erg\u00e4nzend oder selbst um diese erg\u00e4nzt, soll sie (Sprache ist weiblich?) dazu dienen, unsere Gedanken und Gef\u00fchle anderen zu vermitteln, was, technisch betrachtet, nahezu v\u00f6llig unm\u00f6glich is<a href=\"https:\/\/www.tomliehr.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/sonne.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-600\" src=\"https:\/\/www.tomliehr.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/sonne-300x225.png\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.tomliehr.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/sonne-300x225.png 300w, https:\/\/www.tomliehr.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/sonne-1024x768.png 1024w, https:\/\/www.tomliehr.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/sonne-768x576.png 768w, https:\/\/www.tomliehr.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/sonne-1536x1152.png 1536w, https:\/\/www.tomliehr.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/sonne-2048x1536.png 2048w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>t und bestenfalls ann\u00e4hernd gelingen kann. Wer je versucht hat, die unfassbare Trauer und alle damit einhergehenden Gedanken und Gef\u00fchle nach einem schlimmen Verlust in Worte zu fassen, wei\u00df, dass Sprache unzul\u00e4nglich ist, ein eher schwaches Hilfsmittel, aber das beste, das uns bislang zur Verf\u00fcgung steht. Eigentlich aber wei\u00df das jeder Mensch. Und es gilt auch im umgekehrten Fall des wahnwitzigen Gl\u00fccks, wenn man so gro\u00dfe, vertraute, umfassende N\u00e4he zu jemandem empfindet, und in vielen anderen, ganz allt\u00e4glichen F\u00e4llen, genau genommen aber: andauernd. Diese Schnittstelle zwischen uns Menschen, die die Sprache bildet, ist alles andere als perfekt, sie ist oberfl\u00e4chlich und vereinfachend, und je komplizierter Sachverhalte sind, je mehr man in m\u00f6glichst wenigen Worten sagen will oder muss, umso schwieriger wird es, aber manchmal sind es auch ganz simple Dinge, die sich kaum ausdr\u00fccken lassen. Etwa dieses Gef\u00fchl, wenn man einen langen Schluck eiskaltes, kristallklares, leicht sprudelndes Wasser trinken konnte, nachdem man gro\u00dfen Durst hatte. Jeder kann sich dieses Gef\u00fchl vorstellen, aber formulieren l\u00e4sst es sich nicht. Umgekehrt kann man in einfachen Worten manchmal sehr viel sagen. Und gelegentlich zu viel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Gute: Alle Beteiligten wissen das, denn wir alle nutzen dieselbe Sprache. Wir wissen auch, dass unser L\u00e4cheln nie ganz genau so ist, wie das Gef\u00fchl, das wir dabei empfinden, und wir wissen auch, dass unser Gegen\u00fcber m\u00f6glicherweise nicht exakt einsch\u00e4tzen kann, was es zu bedeuten hat. Diese Unzul\u00e4nglichkeit im Umgang miteinander ist Bestandteil unseres Daseins, sie ist Quelle eines Erfahrungsschatzes, sie ist manchmal sogar Werkzeug, sie l\u00e4sst Interpretationen zu und, ja, Missverst\u00e4ndnisse, sie hat subtile Zwischent\u00f6ne und bietet ganz viel Raum f\u00fcr Kreativit\u00e4t und Phantasie. W\u00e4re Sprache perfekt, m\u00fcssten Schriftsteller nicht andauernd dieselben Geschichten in unterschiedlichen Worten erz\u00e4hlen, denn genau das tun sie, tagein, tagaus. Es g\u00e4be h\u00f6chstens zwanzig, drei\u00dfig B\u00fccher, weil in ihnen alles gesagt w\u00e4re.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich kenne alle Argumente f\u00fcr das Gendern, und ein paar davon sind schl\u00fcssig. Und auch wenn ich nicht davon \u00fcberzeugt bin, dass dies der richtige Weg zu einem fraglos guten Ziel ist, wird allein die Debatte dar\u00fcber, wird der Diskurs (jedenfalls, wo er m\u00f6glich ist und nicht unserer &#8211; derzeit stetig wachsenden &#8211; Neigung, zu fraktionieren und zu separieren, uns jederzeit klar zwischen Zustimmung und Ablehnung zu entscheiden, zum Opfer f\u00e4llt) zur Folge haben, dass wir uns mehr Gedanken \u00fcber nach wie vor bestehende Ungerechtigkeiten machen, gegen sie angehen und sie &#8211; m\u00f6glichst gemeinsam &#8211; beseitigen.<\/p>\n<p><strong>Wir m\u00fcssen endlich damit aufh\u00f6ren, unsere Unterschiedlichkeiten als Qualit\u00e4tsmerkmale zu begreifen.<\/strong><\/p>\n<p>Das ist der Kern aller Problematiken, und das gilt in alle Richtungen. Es ist unfassbar und schwer zu ertragen, was vielen Menschen angetan wurde und wird, aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihres Glaubens oder Unglaubens, ihres Aussehens, ihrer k\u00f6rperlichen oder geistigen F\u00e4higkeiten, ihrer sexuellen Neigungen, ihrer ethischen Vorstellungen, ihrer politischen \u00dcberzeugungen und aus vielen anderen Gr\u00fcnden. All dem liegt die Annahme zugrunde, absichtlich oder oktroyiert oder unbewusst, dass diese Merkmale etwas mit Wertigkeit zu tun haben. Aber der Umstand, dass es Ungleichbehandlungen oder sogar Misshandlungen aus solchen Gr\u00fcnden gibt oder gab, erhebt Betroffene nicht \u00fcber alle anderen Menschen. Und \u00fcbrigens gibt es Zwischent\u00f6ne der Diskriminierung, zuweilen sogar ziemlich laute, denen sehr, sehr viele Menschen ausgesetzt sind oder werden, ohne dass sie sich je einer vermeintlich marginalisierten Community zugeh\u00f6rig f\u00fchlen oder f\u00fchlen wollen (oder es eine solche \u00fcberhaupt g\u00e4be). Und ebenfalls \u00fcbrigens sind nicht wenige Menschen, die diskriminiert wurden oder werden, die misshandelt oder missachtet oder benachteiligt wurden oder werden, selbst in der einen oder anderen Weise mit ihrer eigenen Unf\u00e4higkeit konfrontiert, sich dem verlockenden Gef\u00fchl, anderen \u00fcberlegen zu sein oder sich so zu verhalten, zu widersetzen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Was hat das mit Sprache zu tun? Nun, die Behauptung, dass die Sprache nicht nur Werkzeug der Diskriminierung ist, was zweifelsohne zutrifft, genauso, wie sie Werkzeug der Erhebung, Preisung und des Lobes sein kann, sondern dass <em>sie selbst<\/em> bereits diskriminiert, dass sich also das Instrument sozusagen verselbst\u00e4ndigt hat (oder so intendiert war) und ohne Anwendung durch Menschen Diskriminierung aus\u00fcbt, diese Behauptung steht im Raum und f\u00fchrt derzeit an vielen Orten &#8211; freiwillig oder auf mehr oder weniger sanften Druck einer gut organisierten &#8222;\u00d6ffentlichkeit&#8220;- dazu, dass gegendert wird und dass Partizipkonstruktionen angewendet werden, was nur der Anfang ist. Einfach gesagt: Die Annahme, beispielsweise Frauen w\u00e4ren nur &#8222;mitgemeint&#8220;, wenn ein Substantiv verwendet wird, dessen Singular im generischen Maskulin steht und diesem entspricht (der Mensch), gilt sozusagen als beschlossene Sache. Wenn ich also von <em>Lesern<\/em> spreche, von <em>Abonnenten<\/em> und <em>Kunden<\/em>, dann rede ich, so diese Annahme, in der Hauptsache von M\u00e4nnern, und ich meine Frauen oder Menschen, deren biologisches Geschlecht uneindeutig oder \u00fcberhaupt nicht vorhanden oder im Wandel ist oder die sich ihres Geschlechts nicht sicher sind oder sein wollen, h\u00f6chstens etwas herablassend, sozusagen als Minderheit, als geringer gesch\u00e4tztes Anh\u00e4ngsel mit, w\u00e4hrend ich aber in der Hauptsache von M\u00e4nnern rede. Diese (hier sehr verk\u00fcrzt wiedergegebene) Annahme ist das Axiom, das hinter s\u00e4mtlichen Bem\u00fchungen steht, die Sprache selbst gerechter zu gestalten, und bedauerlicherweise wird es inzwischen von nicht wenigen der Einfachheit halber als wahr angenommen. Wir streiten kaum mehr \u00fcber solche Grundsatzfragen; die \u00fcberwiegend sehr akademische Diskussion, die \u00fcbrigens einen Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung aktiv wie passiv ausschlie\u00dft und dies nach meinem Daf\u00fcrhalten in voller Absicht tut, hat sich l\u00e4ngst hiervon entfernt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Aber ich meine Frauen <em>nicht<\/em> etwas herablassend <em>mit<\/em>, wenn ich von &#8222;meinen&#8220; Lesern spreche. Mir ist das Geschlecht meiner Leser v\u00f6llig egal, und wenn ich einen Satz wie &#8222;Meine Leser m\u00f6gen offensichtlich die Art und Weise, wie ich mit Sprache umgehe&#8220; schreibe, sehe ich weder h\u00e4ngendes Gekr\u00f6se vor mir, noch vermisse ich auf irgendeinem Bild Geschlechtsmerkmale anderer Art. Ich sehe \u00fcberhaupt kein Bild von einzelnen Menschen (obwohl ich mir nat\u00fcrlich mehr Leser w\u00fcnsche) &#8211; ich verwende einen <em>Oberbegriff<\/em>. Der alle Geschlechter einschlie\u00dft, und \u00fcberhaupt alle k\u00f6rperlichen Merkmale, und s\u00e4mtliche Ethnien und Glaubensrichtungen und sexuellen Orientierungen und was wei\u00df ich noch alles. Ich habe kein Bed\u00fcrfnis, das zu pr\u00e4zisieren, ich muss kein Binnen-I und kein Gendersternchen verwenden, um Frauen zu signalisieren, dass sie auch meine Leser sind, denn das wissen sie selbst, denn sie sind mit dem Oberbegriff nicht mitgemeint, sondern <em>gemeint<\/em>. Es gibt keine Notwendigkeit, hier etwas explizit zu nennen, das l\u00e4ngst Bestandteil ist. Und zwar nicht als Minderheit, als qualitativ niederwertige Gruppe darin, als marginalisiertes Anh\u00e4ngsel, sondern als abstrakte Person ohne Geschlecht, ohne Neigungen, ohne als Qualit\u00e4tsmerkmal missverstandene Eigenschaft, als irgendwas. <strong>Leser, das sind (beliebige, irgendwelche, alle) <em>Menschen<\/em>, die B\u00fccher lesen.<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ja, ich kenne die Beispiele. &#8222;Von zwei \u00c4rzten war einer schwanger&#8220; aber &#8211; wer <em>sagt<\/em> denn sowas? Genausowenig erkl\u00e4rt man: &#8222;Von zehn Kund*innen haben zwei ihre Penisse verletzt, als sie mit dem Staubsauger zu masturbieren versuchten&#8220; Wo Verk\u00fcrzungen und abstrakte Begriffe Sinn haben, wendet man sie an, und wo man pr\u00e4ziser werden muss oder sein m\u00f6chte (!) und wo man von konkreten Personen spricht, formuliert man anders, gerne auch ausf\u00fchrlicher. Aber es gibt keine Notwendigkeit, immerzu mitzuerw\u00e4hnen, dass Leser oder Soldaten oder Politiker oder Soziologen oder Kandidaten oder W\u00e4hler auch weiblich sein <em>k\u00f6nnen<\/em>, oder nichtbin\u00e4r, oder dick oder d\u00fcnn oder idealgewichtig oder blond oder braunhaarig oder glatzk\u00f6pfig oder erkrankt oder gesund oder gottesf\u00fcrchtig oder atheistisch oder klug oder minder intelligent oder gro\u00df oder klein oder alt oder jung oder fortschrittlich oder konservativ oder politisch uninteressiert oder reaktion\u00e4r oder fit oder schlapp oder oder oder oder oder. Es ist deshalb nicht notwendig, es mitzuerw\u00e4hnen, weil es enthalten ist. Das Axiom ist falsch. Es ist nicht erkennbar enthalten, das Wort bringt all dies nicht in einer Weise zum Ausdruck, die einen daran denken l\u00e4sst, wie vielschichtig und vielf\u00e4ltig unser Menschsein ist, aber das ist auch nicht seine Aufgabe. Und hier liegt das Missverst\u00e4ndnis. (Und darin, aber das wollte ich mir eigentlich ersparen, weil es schon h\u00e4ufig genug erw\u00e4hnt wurde, dass Genus und Sexus nicht dasselbe sind.)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob es M\u00e4nner gibt, die w\u00fctend zum sonnenbeschienenen Himmel schauen, weil der gr\u00f6\u00dfte K\u00f6rper in unserem System mit einem weiblichen Artikel versehen ist, w\u00e4hrend dieses kleine K\u00fcgelchen Ger\u00f6ll, das die weibliche Erde umkreist, generisch m\u00e4nnlich sein darf. Ich denke, die meisten Menschen werden sich einfach \u00fcberhaupt keine Gedanken dar\u00fcber machen, und sie werden auch keine Wertung vornehmen: Ah, die Sonne ist besser, weil sie weiblich ist, aber der Mond ist schei\u00dfe, das ist nur ein Mann, sogar ein alter und grauer. Wir wissen, dass es drei Artikel in der deutschen Sprache gibt, und wir wenden sie an, wie wir viele Begriffe anwenden und damit <em>in der Anwendung<\/em> etwas meinen, und das ist bei denselben Worten selten immer das gleiche. Es ist uns unm\u00f6glich, das, was wir meinen, pr\u00e4zise in den K\u00f6pfen ankommen zu lassen, die auf den K\u00f6rpern derjenigen Menschen sitzen, die unsere \u00c4u\u00dferungen zur Kenntnis nehmen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen ohne Zweifel viel achtsamer im Umgang miteinander sein, wir m\u00fcssen anerkennen, dass es Menschen gibt, die die Geschichte gepr\u00e4gt haben, und andere, die dabei au\u00dfenvor gelassen wurden (und dass es gegenw\u00e4rtige Menschen gibt, f\u00fcr die beides nicht gilt). Wir m\u00fcssen aber auch unsere Unzul\u00e4nglichkeiten akzeptieren, und die Tatsache, dass sie durch Gruppendenken verst\u00e4rkt werden. Wir m\u00fcssen Meinungen respektieren und weiter, nein, <em>wieder<\/em> differenzieren. Wir m\u00fcssen dem gerechten Zorn begegnen und dabei helfen, ihn in sinnvoller Weise zu kanalisieren, aber wir d\u00fcrfen uns nicht massakrieren, auch nicht auf Nebenschaupl\u00e4tzen, wie der Sprache, die niemals gerecht sein kann, weil das keine Eigenschaft eines Werkzeugs ist, sondern eine Eigenschaft derjenigen, die ein Werkzeug anwenden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wenn Menschen das Bed\u00fcrfnis haben, auf die Tatsache hinzuweisen, dass die Welt nicht gerecht ist, indem sie eine besondere Sprache verwenden, dann verdient das Anerkennung und Respekt. Respekt verdient aber auch die Entscheidung, diesen Weg nicht zu gehen, sondern einen anderen zu w\u00e4hlen, der m\u00f6glicherweise &#8211; niemand wei\u00df das &#8211; sogar schneller und gerechter zum Ziel f\u00fchrt. Oder sich f\u00fcr einen all der m\u00f6glichen Zwischent\u00f6ne zu entscheiden, hin und wieder einen l\u00e4ngeren Satz zu sagen oder zu schreiben, ohne dazu erpresst worden zu sein, und ansonsten dort, wo es m\u00f6glich ist, dabei mitzuhelfen, dass wir alle besser miteinander zurechtkommen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch ein Beitrag zur Gendern-Debatte Sprache ist ein Kommunikationsmittel. Zuweilen Gesten und Mimik erg\u00e4nzend oder selbst um diese erg\u00e4nzt, soll sie (Sprache ist weiblich?) dazu dienen, unsere Gedanken und Gef\u00fchle anderen zu vermitteln, was, technisch betrachtet, nahezu v\u00f6llig unm\u00f6glich ist und bestenfalls ann\u00e4hernd gelingen kann. 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