{"id":24,"date":"2010-10-20T10:20:09","date_gmt":"2010-10-20T08:20:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.tomliehr.de\/blog\/?page_id=24"},"modified":"2024-03-08T17:20:44","modified_gmt":"2024-03-08T15:20:44","slug":"schreiben","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.tomliehr.de\/?page_id=24","title":{"rendered":"Schreiben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Hinweis: Dieser Text ist von 2014. Ein aktueller Text<\/em><em> von mir<\/em><em> zum gleichen Thema l\u00e4se sich anders. Er enthielte auch andere Beispiele als dieser, andere Begriffe als in diesem w\u00e4ren kursiv, und wiederum andere nicht oder erstmals in Anf\u00fchrungszeichen. Aber ich habe keine Lust, einen aktuellen Text zum gleichen Thema zu verfassen, also nehmt diesen oder lasst es. <\/em>\ud83d\ude09<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Schreiben ist Arbeit. Aber eine gro\u00dfartige.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit 2004 befanden sich an dieser Stelle &#8222;Schreibtipps&#8220;, zu denen ich immer noch wohlwollende Resonanz erhalte, aber inzwischen gibt es besseres und umfangreicheres (okay, sich zuweilen auch widersprechendes) Material anderswo im Netz, deshalb habe ich die Tipps entfernt. Wer sie dennoch lesen will, mag <a title=\"Die alten Schreibtipps (Fassung von 2004)\" href=\"http:\/\/www.tomliehr.de\/schreibtips.pdf\">hier <\/a>klicken. Davon abgesehen sind Schreibtipps f\u00fcr Autoren wie Anweisungen zum Ausf\u00fcllen eines Lottoscheins (nebst Angabe der anzukreuzenden Zahlen) &#8211; die Wahrscheinlichkeit, dass sie im konkreten Fall zum Erfolg f\u00fchren, sind verschwindend gering, und stattdessen hat man n\u00f6rgelnde Tippnehmer an der Backe, die dar\u00fcber sauer sind, dass man sie in die Irre (bzw. zum Nichterfolg) gef\u00fchrt hat &#8211; m\u00f6glicherweise sogar absichtlich, um &#8222;Konkurrenz&#8220; zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Also \u00fcbe ich mich hier lieber in Nachahmung &#8211; und erz\u00e4hle, wie der nette und umtriebige Kollege <a title=\"Site von Andreas Eschbach\" href=\"http:\/\/www.andreaseschbach.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Andreas Eschbach<\/a>, etwas dar\u00fcber, wie es ist, Schriftsteller zu werden, zu sein und zu bleiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Ich werde jetzt Schriftsteller<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leute, die dar\u00fcber nachdenken, irgendeine k\u00fcnstlerische Laufbahn einzuschlagen, rechnen mit bombastischem Erfolg, und sie kaprizieren sich deshalb oft auf jene Ausnahmen, denen sie in den Medien begegnen. Schauspieleranw\u00e4rter hoffen, der n\u00e4chste Johnny Depp zu werden, und ignorieren, dass es nur exakt einen davon gibt &#8211; aber hunderttausende anderer Schauspieler, die von einer Nebenrolle zur n\u00e4chsten krebsen, wenn sie \u00fcberhaupt welche bekommen, und deren Gage oft nicht reicht, um die Miete f\u00fcr eine nicht einmal sonderlich komfortable Wohnung zu bezahlen. Sie betrachten die Musikcharts und rechnen sich aus, wie viel Kohle dabei flie\u00dfen muss, wenn ein Song &#8211; nur ein einziger Song! &#8211; wochenlang die Hitlisten anf\u00fchrt, \u00fcbersehen aber, dass dies einer siebenstelligen Zahl j\u00e4hrlich ver\u00f6ffentlichter St\u00fccke nie gelingt. Diesen beiden Kunstgattungen ist immerhin gemein, dass es eine <i>gewisse<\/i> Einstiegsschwelle gibt &#8211; Musiker sollten singen k\u00f6nnen und\/oder ein Instrument beherrschen, talentloser Schauspielnachwuchs wird bei den Castings ausgefiltert. Gut, auch hier gibt es Laienangebote, die von vielen als Sprungbrett betrachtet werden, aber dennoch: Beim Schreiben scheint es um eine T\u00e4tigkeit zu gehen, die viele ohnehin beherrschen (wobei <i>schreiben<\/i> und <i>erz\u00e4hlen<\/i> gerne verwechselt wird), und h\u00f6rt man dann von den \u00dcberraschungserfolgen einiger &#8222;Selfpublisher&#8220; (dieser Anglizismus soll, wie viele seiner Geschwister, einen Begriff aufwerten), meint man, allein durch die Publikation irgendeines Textes sei schon der erste Schritt zum Auflagenmillion\u00e4r genommen. Auch hierbei l\u00e4sst man geflissentlich au\u00dfer Acht, dass die Erfolgsgeschichten, von denen man h\u00f6rt und liest, herausragende Ausnahmen sind. Lottogewinne, um beim (blassen und nicht sehr sch\u00f6nen, aber zutreffenden) Bild zu bleiben. Wobei es eben <i>nicht<\/i> um eine Lotterie geht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dies vorweg. Es ist bekannt &#8211; oder sollte es sein. Es ist nicht einfach, erfolgreicher Schriftsteller zu werden. Ich bin selbst l\u00e4ngst noch kein <i>sehr<\/i> erfolgreicher Schriftsteller, obwohl meine verkaufte Auflage insgesamt gut sechsstellig ist. Aber ich bin auch schon seit zehn Jahren (gerechnet vom ersten &#8222;verkauften&#8220; Buch an) als &#8222;Profi&#8220; dabei. Inzwischen sind acht Romane &#8211; die alle noch auf der sog. &#8222;Backlist&#8220; stehen, also erh\u00e4ltlich sind &#8211; und Dutzende Kurzgeschichten sowie Sachtexte von mir erschienen, immerhin ein (!) Roman wurde ins Ausland verkauft, von &#8222;Leichtmatrosen&#8220; (2013) wird die Verfilmung vorbereitet. Damit spiele ich, wenn man so will, irgendwo hinter einem Aufstiegsplatz in der zweiten Liga. Nur vom belletristischen Schreiben leben k\u00f6nnte ich nicht, jedenfalls nicht sehr bequem. Will ich aber auch nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Wege zum Ruhm<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich mich frage, wie es dazu gekommen ist, oder das gar gefragt werde, muss ich eine nachvollziehbare Antwort schuldig bleiben. Immerhin kann ich antworten, dass ich nie &#8222;Selfpublisher&#8220; war, obwohl es zu Beginn meiner &#8222;Karriere&#8220; bereits Vanity-Angebote gab, die ich aber niemals in Erw\u00e4gung gezogen h\u00e4tte &#8211; weder die Schr\u00f6pfangebote der &#8222;Dienstleistungsverlage&#8220;, noch &#8222;Book on demand&#8220; oder \u00e4hnliches. Damit m\u00f6chte ich die M\u00f6glichkeit, Texte <i>relativ<\/i> \u00f6ffentlichkeitswirksam ohne Verlag zu ver\u00f6ffentlichen, nicht verteufeln &#8211; ich empfinde diese Option als positiv, und werde, wenn meine verlagsgebundenen Titel das Ende ihrer Vertragsdauer erreichen, ohne einen Anschlussverlag zu finden, sicherlich darauf zur\u00fcckgreifen &#8211; weil es fast nichts kostet und die wunderbare Chance bietet, Romane auch in gedruckter Fassung verf\u00fcgbar zu halten, f\u00fcr die die Nachfrage nur noch gering ist, einfach, weil sie schon ein Jahrzehnt oder mehr auf dem Buckel und ihre &#8222;nat\u00fcrliche&#8220; Zielgruppe mehr oder weniger erreicht haben. Denn B\u00fccher, die pro Quartal vielleicht hundert Mal oder seltener gekauft werden, druckt kaum ein Publikumsverlag mehr nach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich k\u00e4me auch nicht auf die Idee, Schauspieler werden zu wollen und gleich als erstes zum Casting f\u00fcr einen &#8222;Tatort&#8220; oder f\u00fcr den neuen Til-Schweiger-Film zu laufen &#8211; oder selbst einen Fernsehkrimi zu drehen, gar einen Kinofilm. Ich ginge in eine Schauspielschule und verlie\u00dfe sie relativ schnell wieder, wenn mir ein Lehrer erkl\u00e4rte, dass es sinnlos ist. Ich w\u00fcrde keine Gesangskarriere damit starten, in der Karaokebar meinen Auftritt mitzuschneiden, auf YouTube zu stellen und auf eine Million Klicks zu hoffen &#8211; die es vielleicht sogar g\u00e4be, aber aus anderen Gr\u00fcnden: Mein Gesang ist <i>schrecklich<\/i>, woran auch ein guter Lehrer kaum etwas \u00e4ndern k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man wird nicht als Schauspieler engagiert, nur, weil man Schauspieler sein <i>m\u00f6chte<\/i>. Man verkauft Musik nicht nur, weil man Musik verkaufen <i>will<\/i>. Man wird Schauspieler, weil andere Menschen meinen, man sei richtig f\u00fcr die Rolle. Man verkauft Musik, weil Leute diese &#8211; genau <i>diese<\/i>, nicht irgendeine &#8211; Musik kaufen wollen. Das klingt nur wie das gleiche in unterschiedlichen Formulierungen. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass man im erstgenannten Fall davon ausgeht, dass das Angebot die Nachfrage generiert, w\u00e4hrend es tats\u00e4chlich genau umgekehrt ist. Das Angebot ist unfassbar gro\u00df, aber die Nachfrage ist ebenso unfassbar klein &#8211; eine Nachfrage, die sich viele Anbieter teilen m\u00fcssen. Nur, weil es eBook-Reader und die M\u00f6glichkeit gibt, B\u00fccher per Klick zu ver\u00f6ffentlichen und sofort und jederzeit zu kaufen, werden nicht mehr oder auf einmal schlechtere B\u00fccher gekauft. Die Nachfrage ist nicht gr\u00f6\u00dfer geworden, nur das Angebot &#8211; jedenfalls scheint es so zu sein. Daf\u00fcr ist das gr\u00f6\u00dfere Angebot zugleich deutlich schlechter geworden &#8211; weil viele Menschen etwas anbieten, die eigentlich \u00fcberhaupt nichts anzubieten haben. Dieses zus\u00e4tzliche Angebot wird vom Gros der Buchk\u00e4ufer, die auch im vermeintlichen eBook-Zeitalter den Markt beherrschen &#8211; Gelegenheitsk\u00e4ufer, die spontan B\u00fccher einsacken &#8211; \u00fcbrigens so gut wie \u00fcberhaupt nicht wahrgenommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Jobcenter<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schriftsteller ist ein <i>Job<\/i>. Jobs kann man gut oder schlecht machen &#8211; wenn man sie gut macht, bekommt\/beh\u00e4lt man sie, wenn man sie schlecht macht, verliert man sie. Das gilt f\u00fcr nahezu jeden Beruf und jede Art von Arbeit. Entweder, man beherrscht sie, oder man beherrscht sie nicht. Man wird nicht erfolgreicher Viehz\u00fcchter einfach dadurch, dass man sich ein St\u00fcck Land und ein paar K\u00fche kauft. Man wird kein toller Grafiker oder &#8222;Webdesigner&#8220; durch den Erwerb irgendeines genialen Bildbearbeitungsprogramms (tats\u00e4chlich dachten das viele Leute Anfang des Jahrtausends), und man wird kein gefragter Buchhalter, weil man die Grundregeln der Algebra beherrscht und die neueste Version von &#8222;Lexware&#8220; kostenlos im Amazon-Produkttester-Programm bekommen hat. Es gibt die Binsenweisheit &#8222;Wer nichts wird, wird Wirt&#8220;, und diese idiotische L\u00fcge, obwohl schon hunderttausendfach als solche bewiesen, verweist auf etwas, das auch in den K\u00f6pfen vieler &#8222;Nachwuchsautoren&#8220; zu fortlaufenden Missverst\u00e4ndnissen zu f\u00fchren scheint: Bier zapfen und dumm am Tresen plappern kann jeder. Schreiben kann man sp\u00e4testens seit der dritten Schulklasse (plusminus zwei, drei Jahrg\u00e4nge &#8211; je nachdem). Bullshit! Es gibt einen Grund daf\u00fcr, warum f\u00fcnfzig Prozent aller Existenzgr\u00fcndungen im Bereich &#8222;Gastronomie&#8220; im ersten halben Jahr in die Pleite f\u00fchren, und die H\u00e4lfte der anderen im zweiten Halbjahr &#8211; n\u00e4mlich jenen, dass Leute meinen, es g\u00e4be keine Voraussetzungen f\u00fcr diesen Beruf. Voraussetzungen gibt es f\u00fcr fast <i>jeden<\/i> Beruf, und das bedeutet ganz simpel, dass man praktisch niemals etwas &#8222;wird&#8220; nur allein dadurch, dass man sich daf\u00fcr entscheidet, es zu <i>sein<\/i>. Obwohl es fraglos wichtig ist, sich bewusst daf\u00fcr zu entscheiden, beispielsweise Schriftsteller sein zu wollen &#8211; das ist, wie bei vielen Jobs, eine Voraussetzung, um die Entscheidung dann auch ernsthaft umzusetzen. Aber sie <i>gen\u00fcgt<\/i> eben nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Eine Lanze f\u00fcr den Murks<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zur\u00fcck zu mir. Ich schreibe seit meinem dreizehnten Lebensjahr. Wenn ich irgendwann &#8211; hoffentlich nicht allzu bald &#8211; sterbe, werden meine Erben den Kopf redlich damit voll haben, aus all dem, was in Kisten, auf Festplatten und CDs lagert, das auszufiltern, das m\u00f6glicherweise irgendjemanden interessieren k\u00f6nnte, vorausgesetzt, es gibt zu diesem Zeitpunkt \u00fcberhaupt noch ein nennenswertes Interesse an meinen Arbeiten. Gut und gerne 90 Prozent aller Texte, die ich je geschrieben habe, sind absolut f\u00fcrchterlicher, ganz, ganz b\u00f6ser Mist, was mich daran erinnert, dass ich in meinem Testament ein paar Regeln f\u00fcr den Umgang mit meinem schriftstellerischen Nachlass ber\u00fccksichtigen sollte. Ich bin stolz auf diesen Mist und mag es ganz gerne, zuweilen in Fragmenten, \u00e4lteren Texten, fertiggestellten Romanmanuskripten und seltsamen Kurzgeschichten zu st\u00f6bern (wobei man mich lachen h\u00f6ren k\u00f6nnte), aber ich wei\u00df auch, dass all dieses Material aus gutem Grund nie das Licht einer Buchhandlung erblickt hat: Ich war noch kein Schriftsteller. Das hei\u00dft nicht, dass ich heute alles ver\u00f6ffentlichen k\u00f6nnte bzw. sollte, was ich so schreibe, denn in diesem Beruf &#8211; wie in vielen anderen auch &#8211; sollte man niemals damit aufh\u00f6ren, an sich zu arbeiten, und es ist ein Trugschluss, zu glauben, mit dem ersten halbwegs erfolgreichen Buch w\u00e4re <i>alles<\/i> m\u00f6glich, aber ich habe inzwischen etwas gefunden, das es mir erlaubt, mich Schriftsteller zu nennen und ein solcher zu sein: Ich kann erz\u00e4hlen (das konnte ich vorher schon, aber keineswegs von Anfang an) &#8211; und wei\u00df, <i>was<\/i> ich <i>wie<\/i> erz\u00e4hlen muss, um (m)ein Publikum zu erreichen. Das klingt einfach, ist es aber nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denkt mal dar\u00fcber nach, warum Ihr bestimmte Schauspieler gerne seht oder bestimmte Musiker gerne h\u00f6rt &#8211; oder, n\u00e4her dran, bestimmte Autoren gerne lest. Klar, es gibt in allen Kunstgattungen One-Hit-Wonder, die zwar nachlegen, aber nie wieder das erreichen, womit sie ihren ersten gro\u00dfen Erfolg hatten, und an dieser Stelle muss man nicht einmal Namen nennen; die fallen Euch bestimmt selbst schnell ein. Diesen h\u00e4lt man vielleicht noch zwei, drei Filme, Alben oder B\u00fccher lang die Treue, aber jene, die f\u00fcr Euch zum Must-See\/Hear\/Read werden, sind andere. Schauspieler, Musiker und Autoren, die &#8211; um Andreas Eschbach zu zitieren &#8211; etwas machen, das <i>so nur sie k\u00f6nnen<\/i>. Ein Dieter Pfaff. Ein Herbert Gr\u00f6nemeyer, ob man den nun mag oder nicht. Ein Andreas Eschbach. Gerne auch ein Tom Liehr, der sich in dieser Aufz\u00e4hlung trotzdem nicht ganz wohlf\u00fchlt (weil er es f\u00fcr falsch h\u00e4lt, sich mit Pfaff\/Gr\u00f6nemeyer\/Eschbach zu vergleichen &#8211; erste Liga!). K\u00fcnstler, die erstens etwas k\u00f6nnen und zweitens in dieser Rolle, in diesem Job auch noch etwas repr\u00e4sentieren, zu dem kein anderer in der Lage w\u00e4re. Fast alle Pfaff-Filme ohne Pfaff (und selbst die nicht immer gelungenen Fernsehserien mit ihm) w\u00e4ren undenkbar. Die Gr\u00f6nemeyer-Alben von einem anderen gesungen: Idiotischer Gedanke. Vom &#8222;Jesus-Video&#8220; \u00fcber &#8222;Ausgebrannt&#8220; bis zum &#8222;K\u00f6nig von Deutschland&#8220;: Keine Chance, h\u00e4tte die Plots nicht Eschbach umgesetzt. Werk und K\u00fcnstler bilden eine Einheit. Und zwar eine, die keine wundersame Jungfrauengeburt war &#8211; sondern eine schwere, langfristige. Mit einer viel l\u00e4ngeren Zeit als nur neun Monaten zwischen Zeugung und Niederkunft. Manchmal lagen Jahre, gar Jahrzehnte dazwischen. Auf jeden Fall aber die Erkenntnis: Genau <i>das<\/i> muss ich auf genau <i>diese<\/i> Weise tun, um erfolgreich zu sein. Kunst ist nicht beliebig; man macht nicht irgendwas. Sondern genau das richtige.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Betriebsblindheit<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was ist in diesen Monaten und Jahren geschehen? Ich wei\u00df das weder von Dieter Pfaff, noch von Herbert Gr\u00f6nemeyer oder Andreas Eschbach, aber ich wei\u00df es von mir. Ich habe <i>nicht<\/i> jeden Text, den ich geschrieben habe und f\u00fcr gut hielt (und das galt kurz nach der Fertigstellung f\u00fcr praktisch alle Texte!), bei BoD, Amazon CreateSpace oder lulu.com hochgeladen, um ihn der \u00d6ffentlichkeit anzubieten, sondern ich habe die Existenz dieser Texte wochen-, gar monatelang verleugnet, um mich ihnen anschlie\u00dfend zuzuwenden und festzustellen, wie schei\u00dfe sie waren. Wie wenig darin eine Autorenpers\u00f6nlichkeit erkennbar wurde. Wie lahm ich andere Autoren zu imitieren versuchte. Wie bl\u00f6d meine Plots und Pointen waren. Wie arrogant ich meinte, \u00fcber jedes verdammte Thema schreiben zu k\u00f6nnen. Wie selbstgerecht ich glaubte, dass alles, was ich schrieb, relevant w\u00e4re. Nichts davon stimmte, obwohl einige dieser Texte \u00fcber positive Aspekte verf\u00fcgen, beginnend damit, ein r\u00fchrendes Zeugnis \u00fcberw\u00e4ltigender Naivit\u00e4t zu sein, oder schlicht damit endend, eine eigentlich gute Idee auf unselige Weise zu verheizen. Das Regulativ bestand in dieser Zeit haupts\u00e4chlich aus mir selbst, und es muss mir einfach geglaubt werden, dass ich der Verlockung widerstanden h\u00e4tte, diese Texte einfach ins KDP hochzuladen und darauf zu hoffen, gen\u00fcgend Amazon-Kunden zu finden, die wider besseres Wissens Krempel vom unfertigen Liehr gekauft h\u00e4tten. Ich h\u00e4tte es wirklich nicht getan, denn ich wusste, dass ich noch lernte. Die Idee, all diese Werke zu ver\u00f6ffentlichen, h\u00e4tte ich selbst dann nicht in Erw\u00e4gung gezogen, wenn das mit einem simplen Mausklick m\u00f6glich gewesen w\u00e4re. Wie ich auch nicht mit meiner Otto-Waalkes-Imitation, die zu Oberschulzeiten meine Mitsch\u00fcler zum Lachen gebracht hat, auf einer Nachwuchsb\u00fchne mein Gl\u00fcck versucht h\u00e4tte. Ich war schlecht &#8211; und meine Mitsch\u00fcler waren betrunken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Leser kaufen B\u00fccher nicht aus Mitgef\u00fchl, jedenfalls meistens. Sie klicken auch nicht auf &#8222;In den Warenkorb&#8220; einfach nur, weil es <i>irgendeinen<\/i> Text gibt. Zugegeben, man kann K\u00e4ufer manipulieren, und auch dazu bringen, Mist zu kaufen &#8211; selbst namhafte Verlage leben zu einem Gutteil davon, dieses Prinzip anzuwenden, und so manch ein No-Name-Bestseller war auf diesem Weg m\u00f6glich, was beispielsweise f\u00fcr fast alles gilt, was online in der Kategorie &#8222;Erotik&#8220; erh\u00e4ltlich ist: Wer wirklich mit Selfpublishing Geld verdienen will, sollte einen Sextext schreiben, eine gut aussehende Frau mit gespreizten Beinen aufs Cover montieren und darauf hoffen, dass das Wichser-kaufen-alles-Strohfeuer noch eine Zeitlang brennt. Die meisten richtigen Buchk\u00e4ufer erwarten inhaltlich wie qualitativ durchaus etwas, das mindestens konsistent ist, und die Erfolge von Iny Lorentz oder dieser F\u00fcnfzig-Grauschattierungen-Tante widersprechen dem <i>nicht<\/i>. Denn auch diese Leute tun bzw. taten etwas Singulares. Man muss die &#8222;Wanderhure&#8220; und ihre Erben\/Kinder\/Verwandten\/Nachfolger nicht m\u00f6gen, und auch nicht die eigentlich sehr pr\u00fcde &#8222;Erotik&#8220; der Grauschattierungen, aber man kann den verantwortlichen Autoren durchaus ein Attest ausstellen: Andere haben &#8211; und h\u00e4tten, obwohl sie&#8217;s versuchen &#8211; das so <i>nicht<\/i> hinbekommen. Und auch die &#8222;Feuchtgebiete&#8220; h\u00e4tten ohne Charlotte Roche (zugegeben, und die Medienmaschine in ihrem R\u00fccken) nie das bewirkt, was schlie\u00dflich aus ihnen wurde: Millionen verkaufter Exemplare im deutschsprachigen Raum, Neben- und Auslandsrechte nicht mitgerechnet. Ein Sechser mit Zusatzzahl, Superzahl, Sternchen und allem Kokolores.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Jetzt macht er&#8217;s selbst&#8220;, h\u00f6re ich, n\u00e4mlich, sich auf Ausnahmen kaprizieren. Ja, mache ich, aber einfach nur, weil es gute Beispiele sind, die jeder kennt. Ich k\u00f6nnte auch Heinrich Steinfest nennen, Thomas Glavinic, Juli Zeh und viele andere, aber dann m\u00fcssten einige von Euch googeln oder bei Wikipedia nachschlagen. Okay, Steinfest, Glavinic und Zeh markieren immer noch das obere Ende einer Skala, die sehr, sehr viele Intervalle kennt. Aber das hei\u00dft nicht, dass das, was diese Leute ausmacht, f\u00fcr die Pl\u00e4tze dahinter nicht gelten w\u00fcrde. Die Namen, die auf den Backlists bleiben und ihre zweiten bis zw\u00f6lften Romane meistbietend zu versteigern in der Lage sind, sind eben nicht solche, die ihre ersten Erg\u00fcsse per &#8222;Selbstver\u00f6ffentlichung&#8220; angeboten haben, um anschlie\u00dfend jahrzehntelang auf den Lorbeeren zu n\u00e4chtigen, die dadurch wuchsen, sondern Autoren, die lange Zeit an sich gearbeitet haben, bis erstens etwas entstand, das man anbieten konnte, und zu dem zweitens ein Verlagslektor sagte: Das kaufen wir. Weil das etwas Neues ist, nicht nur ein neues Buch, sondern eine neue Kombination aus Idee, Plot, Autorenfigur und -stimme, die sich zu vermarkten lohnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Regel und Ausnahme<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Okay, wir wandern noch einmal zur\u00fcck zu den Ausnahmen. Wolfgang Tischer berichtet in seinem &#8222;<a href=\"http:\/\/www.literaturcafe.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Literaturcaf\u00c3\u00a9<\/a>&#8220; regelm\u00e4\u00dfig von den Erfolgen der Selbstverleger, die von namhaften Verlagen eingekauft wurden oder sogar Lizenzen ins Ausland vertickt haben. Die j\u00fcngere Literaturgeschichte ist voll von Beispielen junger Autoren, die mit dem allerersten Manuskript wahnwitzig erfolgreich waren. An dieser Stelle k\u00f6nnte ich schreiben: Gl\u00fcck hatten sie. Das w\u00fcrde wahrscheinlich sogar in den \u00fcberwiegenden F\u00e4llen stimmen: Sie haben gleich &#8222;ihre&#8220; Stimme gefunden, das richtige Thema, alles perfekt gemacht. So etwas gibt es. Die oben genannte Charlotte Roche geh\u00f6rt auch dazu; &#8222;Feuchtgebiete&#8220; war, soweit mir bekannt ist, ihr erstes (\u00fcberwiegend autobiografisches) Romanmanuskript. Wer ein ungeheuer originelles (oder provokantes) Thema auszuf\u00fcllen in der Lage ist und sowieso \u00fcber eine halbwegs eigenst\u00e4ndige Erz\u00e4hlstimme verf\u00fcgt, kann es gleich vom Start weg an die Spitze schaffen, oder wenigstens auf einen guten Nicht-Abstiegsplatz. Aber die meisten Autorenkarrieren sehen anders aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So auch meine. Nach den Anfangsversuchen als Jugendlicher, w\u00e4hrend derer immerhin drei komplette Romanmanuskripte entstanden, habe ich das Schreiben jahrelang vernachl\u00e4ssigt, nur hin und wieder mal eine kurze Geschichte getippt, um nicht aus der \u00dcbung zu kommen. Dann fiel mir ein reichweitenstarker Literaturwettbewerb vor die F\u00fc\u00dfe, die zu dieser Zeit ohnehin tr\u00e4ge auf einer Sofakante lagerten, weil ich praktisch arbeitslos war. Ich habe mir ganz entscheidende Gedanken gemacht, das Umfeld des Bewerbs betrachtet, und eine Geschichte geschrieben, von der ich meinte, sie w\u00e4re originell, sprachlich wie inhaltlich, aber ohne abgehoben zu sein, und die exakt ins Umfeld passte. Die Rechnung ging auf &#8211; ich gewann. In den Jahren danach geschahen noch andere Dinge, die mein Selbstverst\u00e4ndnis als jemand, der schreibt, beeinflussten, und ich schrieb zwei Romane, von denen es einer immerhin schaffte, eine reputierte Literaturagentur von meinen F\u00e4higkeiten zu \u00fcberzeugen. Trotzdem war&#8217;s der auch noch nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Wer bin ich?<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ich wollte. Ich wollte dringend &#8211; keineswegs aber unbedingt. Was ich nicht wollte, das war &#8211; wie damals beim gewonnenen Literaturwettbewerb &#8211; etwas schreiben, das den Erwartungen anderer entsprach, sondern eine Geschichte, die zu mir und meiner Erz\u00e4hlweise passte. Thema, Perspektive, Stil, Aufbau, Figuren, <i>Genre<\/i> &#8211; ich wollte darin erkennbar werden, ohne aufdringlich zu sein. Im Jahr 2003 ist das schlie\u00dflich gelungen; mein erster Roman, der heute noch viele Fans hat, ist erschienen. Schnoddrig, eigenwillig, lesbar, recht rasant, unkonventionell aufgebaut, ohne zu verst\u00f6ren, und mit einem Thema, das nicht bereits zig andere besetzt hatten. Es war letztlich Popliteratur, zugleich ein klassischer Entwicklungsroman, vor allem aber war es: Ein Liehr. Ein Buch, das mich in sich trug. Das so kein anderer h\u00e4tte schreiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war kein Erfolg, obwohl man es im Verlag sehr mochte und der Titel gute Presse bekam &#8211; viel mehr Presse, als bei Taschenbuch-Erstver\u00f6ffentlichungen \u00fcblich ist. Die Verk\u00e4ufe der ersten Auflage waren z\u00e4h, obwohl ich in meiner grenzenlosen Naivit\u00e4t die Spiegel-Bestenlisten und alle m\u00f6glichen anderen Angebote \u00e4hnlicher Art konsultierte, die mich niemals erw\u00e4hnten, weil selbst bis zum Erscheinen meines zweiten Romans &#8211; zwei Jahre sp\u00e4ter &#8211; noch Exemplare der Erstauflage im Verlag lagerten. Immerhin war diese Erstauflage dann irgendwann tats\u00e4chlich vergriffen, und mit dem m\u00e4\u00dfigen Erfolg, der sich erst bei Roman Nummer f\u00fcnf (!) sp\u00fcrbar einstellte, zog auch dieser \u00e4ltere Titel in Neuauflage abermals an. Die Entwicklung zum &#8222;typischen Liehr&#8220; ging w\u00e4hrenddessen weiter. Das bedeutet nicht, dass ich von irgendeinem meiner Romane weniger hielte als von einem anderen, sp\u00e4teren &#8211; ich w\u00fcrde keinen davon umschreiben. Ich liebe sie. Und ich bin stolz wie Bolle auf jede einzelne Zeile.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>42<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tja, was will uns der Autor damit sagen?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eigentlich nicht viel. Seit einigen Jahren &#8211; es d\u00fcrften inzwischen fast f\u00fcnfzehn sein &#8211; bin ich unter anderem damit befasst, mich helfend mit Autoren auszutauschen, die sich auf unterschiedlichen Stufen der Erfolgsleiter befinden. Ich habe viele Erfolgsgeschichten miterlebt und war an nicht wenigen beteiligt (die \u00fcbrigens <i>nie<\/i> damit zu tun hatten, dass die &#8222;modernen&#8220; schnellen Wege genutzt wurden), darunter einigen, die mich \u00fcberrascht haben, und anderen, auf die ich gewettet h\u00e4tte. Wir machen Literatur, und Literatur ist Kunst, was auch f\u00fcr die &#8222;Gebrauchsliteratur&#8220; gilt, vom Heftroman bis zur Krimiserie. Kunst ist eigenartig, vor allem aber ist sie davon abh\u00e4ngig, dass sie auf Liebhaber st\u00f6\u00dft. Kunst ohne Wahrnehmung ist keine; sie entsteht erst dadurch, dass es jemanden gibt, der sie zur Kenntnis nimmt &#8211; und mag. Das ist in meinen Augen die einzige g\u00fcltige Definition f\u00fcr Kunst: Etwas, das sonst keinen Zweck hat, erfreut &#8211; unterh\u00e4lt &#8211; jemanden. Okay, manchmal reden sich Leute nur ein, etwas zu m\u00f6gen, das sich &#8222;Kunst&#8220; schimpft, oder sie fallen auf gutes Marketing herein, aber diese Seitenthemen sind so vielschichtig und &#8211; vor allem &#8211; fruchtlos, dass es keinen Sinn hat, sich kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen. Und Kunst kann nat\u00fcrlich auch Zweck und Wirkung haben, bewegen und ver\u00e4ndern. Es ist sehr aufregend, wenn man derlei miterleben darf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage ist damit aber noch nicht beantwortet. Weiter oben schrieb ich: Kunst ist nicht beliebig. Man muss nicht das W\u00f6rtchen &#8222;Kunst&#8220; verwenden, man kann es auch durch weniger anspruchsvolle Bezeichnungen ersetzen. Kunst ist einzigartig, immer. Dessen sollte man sich bewusst sein. Wer beispielsweise Schriftsteller werden, sein und bleiben will, sollte sich mit diesem Gedanken auseinandersetzen. Und eben nicht einfach <i>irgendwas<\/i> machen. Texte sind schnell geschrieben, und in diesen Zeiten fast noch schneller ver\u00f6ffentlicht. Das hat zuweilen seinen Reiz und seine Vorteile; es sind neue Genres entstanden, neue Formen von Literatur, eine neue Art der Reflexion ist m\u00f6glich geworden. Die kommunikative Komponente der Literatur hat sich intensiviert, in Blogs beispielsweise, von denen es leider nicht mehr so viele richtig gute gibt &#8211; hier wie auch in anderen Bereichen haben jene, die etwas nutzen, ohne daf\u00fcr bereit und dazu in der Lage zu sein, das Angebot verw\u00e4ssert. Die ambitionierten Laien beanspruchen ihren Platz neben den Profis &#8211; nicht immer zu recht. Weil das Missverst\u00e4ndnis, allein die <i>M\u00f6glichkeit<\/i> w\u00fcrde auch ihre Nutzung rechtfertigen, nicht aus den K\u00f6pfen zu kriegen ist. Weil immer noch alle glauben, sie k\u00f6nnten der n\u00e4chste &#8222;Selfpublisher&#8220; sein, der Lizenzen in die USA verkauft, und Filmrechte gleich noch dazu. Am Arsch h\u00e4ngt der Hammer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Holt mich hier raus<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber ich verstehe das nat\u00fcrlich auch. Schriftsteller ist ein hinrei\u00dfender Job, von dem ich selbst sehr, sehr lange getr\u00e4umt habe, bis es endlich geklappt hat. Beim Smalltalk auf der Party mal eben erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen, dass der vierzigste Roman demn\u00e4chst ins Serbokroatische \u00fcbersetzt wird &#8211; hey, das ist schon cool. Dass die und die Filmbude Roman Nummer zw\u00f6lf optioniert hat. Dass ein ARD-Sender angefragt hat, ob man nicht mal einen &#8222;Tatort&#8220; schreiben wolle. Dass man zu Talkshows eingeladen wird. Alles sehr l\u00e4ssig. Allerding &#8211; das meiste davon passiert nicht. Die Zahl der deutschen Belletristikautoren, die sich auf diesem Niveau bewegen, ist kleiner als die Anwohnerzahl irgendeiner Nebenstra\u00dfe in Berlin. Die meisten Autoren &#8211; Schriftsteller, die bei namhaften Publikumsverlagen unter Vertrag sind &#8211; w\u00fcrde niemand auf der Stra\u00dfe erkennen, sie verdienen vergleichsweise wenig Geld, und sie m\u00fcssen pausenlos nachlegen, um nicht gleich wieder vergessen zu werden. Wie ich oben erkl\u00e4rt habe: Das Angebot w\u00e4chst unaufh\u00f6rlich, aber die Nachfrage stagniert, sinkt sogar. Immer mehr Autoren m\u00fcssen sich einen immer kleineren Kuchen teilen. Gro\u00dfe Verlage gehen dazu \u00fcber, das Programm zu reduzieren und nur noch Titel aufzunehmen, die mit hoch f\u00fcnfstelligen Startauflagen kalkuliert werden k\u00f6nnen &#8211; was schlicht und ergreifend bedeutet, dass die Autoren-Mittelschicht ausged\u00fcnnt wird, und das wiederum bedeutet, dass es genau jene Autoren trifft, die etwas zu sagen haben, weil sie eben nicht zu jenen geh\u00f6ren, die man mit 50.000 Exemplaren an den Start bringen kann, weil sie an den Pools auf Mallorca gelesen werden. Ja, ich h\u00f6re schon den Einspruch: F\u00fcr diese Autoren sind doch Eigenver\u00f6ffentlichungen wie geschaffen. Bl\u00f6dsinn! Erstens fehlt hierbei das Regulativ, die gemeinsame Arbeit mit dem Lektor, vor allem aber zun\u00e4chst die professionelle Entscheidung daf\u00fcr, dass der Titel ver\u00f6ffentlicht werden sollte. Und zweitens sind die Erfolgszahlen der &#8222;Selfpublisher&#8220; l\u00e4cherlich &#8211; selbst derjenigen der Leute, die durch die Presse gereicht werden. In der &#8222;S\u00fcddeutschen&#8220; war k\u00fcrzlich von einer Autorin die Rede, die auf diesem Weg 2.500 Exemplare verkauft hat. Ja ist es denn wahr! Zweieinhalbtausend Exemplare, bei gesch\u00e4tzt anderthalb Jahren Vorarbeit &#8211; und einer Rendite von vielleicht 30 Prozent. Sogar das &#8222;Literaturcaf\u00c3\u00a9&#8220;, das lange Zeit eine Vorreiterposition f\u00fcr die Selbstverleger eingenommen hat, res\u00fcmierte k\u00fcrzlich in einem Artikel, dass der Selbstpublizierer-Beschleuniger Amazon (der das vor allem macht, um eBooks und Reader an <i>Autoren<\/i> zu verkaufen) wieder auf &#8222;verlegerische Kompetenz&#8220; setzen w\u00fcrde. Stellt Euch vor, die \u00f6rtliche Regierung w\u00fcrde s\u00e4mtliche leerstehenden L\u00e4den Laientheatern zur Verf\u00fcgung stellen. W\u00fcrden deshalb mehr Leute ins Laientheater gehen? Habt Ihr Euch mal angesehen, was bei solchen Veranstaltungen passiert? Laientheater <i>ist<\/i> Selfpublishing. Und zwar ersch\u00fctterndes &#8211; von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen. Auf die sich dann nat\u00fcrlich wieder alle beziehen. Auf den Laiendarsteller, der vom Headhunter im Publikum entdeckt wurde und seitdem mehr hochdotierte Rollenangebote bekommt, als er bis zum Ende der planetaren Existenz anzunehmen in der Lage w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>My way<\/b><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wer das ohnehin nur aus Spa\u00df und als Hobby macht, dem kann all das nat\u00fcrlich am Def\u00e4kationsapparat vorbeigehen. Immerhin kostet es nichts, man schadet kaum jemandem (von den Leuten abgesehen, die beschissene Texte von ihren eBook-Readern l\u00f6schen m\u00fcssen), und man hat es eben mal probiert. Okay. H\u00e4tte ja auch klappen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den anderen sei gesagt: Seid etwas geduldiger. Findet Euren Weg, die Geschichten, die Ihr zu erz\u00e4hlen habt, gut zu erz\u00e4hlen &#8211; richtig gut. Arbeitet daran. Seid selbstkritisch, ignoriert falsches Lob und die gegenseitige Bauchpinselei in den Foren der Selbstverleger. Wenn Ihr wirklich Schriftsteller sein wollt, dann nehmt das gef\u00e4lligst auch ernst. Kompostiert Texte, sucht weiter, nach Euren Themen, Eurer Stimme, Eurem Weg. Tut nicht einfach alles, was Euch einf\u00e4llt, sondern das <i>richtige<\/i>. Denkt daran, dass es nicht leicht sein wird, selbst wenn eine gute Agentur oder ein namhafter Verlag zuschlagen. All das dauert sehr lange, Erfolg kommt selten \u00fcber Nacht, und wenn er dann kommt, muss man daf\u00fcr k\u00e4mpfen, dass er bleibt. Man wird sehr wahrscheinlich nicht ber\u00fchmt, sondern h\u00f6chstens ein bisschen bekannt. Man verdient wenig Geld mit viel Arbeit. Aber man erlebt auch sehr viele bewegende, ergreifende Momente. Gro\u00dfartige \u00dcberraschungen. Auch negative &#8211; Anfeindungen werden nicht ausbleiben. Irgendwann begreift man dann, dass es ein Job ist, den man gut machen muss. Ein einzigartiger, und ein wirklich sehr schicker. Aber man muss ihn eben gut machen, ohne das geht es nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Abschluss. Hier, an dieser Stelle, waren mal Schreibtipps vorzufinden &#8211; ein Text \u00fcber Perspektiven, Recherche, Dialoggestaltung und solche Sachen. Cliffhanger, Hooks, Infodumps, Adjektivinflation, all das. Ein befreundeter Autor verfasst u.a. Schreibratgeber, und vieles von dem, was er in diesen B\u00fcchern schreibt, ist irgendwie richtig &#8211; und dann wieder doch nicht. Denn all diesen Ratschl\u00e4gen liegt die falsche Annahme zugrunde, es g\u00e4be bestimmte Aspekte, die man ber\u00fccksichtigen m\u00fcsste, um erfolgreich zu sein. Das ist Unsinn. Schreiben ist Kunst. Geht mal durch alle Galerien der n\u00e4chsten Gro\u00dfstadt und fragt Euch anschlie\u00dfend, was die ausgestellten Exponate gemeinsam hatten. Um die Antwort gleich mit auf den Weg zu geben: Nichts. Ihr k\u00f6nnt auch ersatzweise den Stadtteil aufsuchen, in dem Kunsthandwerk verscheuert wird. Selbst dort werden Ihr zum entsprechenden Ergebnis kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht einmal ein Thriller muss unbedingt mit einem Hook anfangen. Es gibt genug Beispiele von guten &#8211; und erfolgreichen &#8211; Thrillern, die genau das nicht tun. Romane, die mit seitenlangen Landschaftsbeschreibungen beginnen. B\u00fccher, in denen die Perspektiven wechseln. Texte ohne jeden Dialog. Novellen, die in der zweiten Person geschrieben sind. Es gibt sogar erfolgreiche Lyrik, und Anthologien vorher unbekannter Autoren, die pl\u00f6tzlich in den Bestenlisten standen. Versucht nicht, das zu tun, von dem Euch andere erkl\u00e4ren, Ihr m\u00fcsstet das unbedingt machen. Diese Leute wissen nicht, was in Euch vorgeht, was Ihr ausdr\u00fccken wollt, was Eure Schriftstellerperson ausmacht. Jeder Weg ist einzigartig. Es gilt lediglich, ihn auch zu finden. Und denkt daran: Abk\u00fcrzungen k\u00f6nnen auch in Sackgassen f\u00fchren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Schriftsteller ist ein geiler Job, aber es ist auch ein Knochenjob. Kaum ist das Manuskript fertig, das dann ein halbes oder ganzes Jahr sp\u00e4ter erscheinen wird, muss man sich &#8211; noch w\u00e4hrend der Redaktionsarbeit &#8211; Gedanken \u00fcber das n\u00e4chste machen, ohne auch nur ahnen zu k\u00f6nnen, wie das aktuelle ankommen wird. Als Autor muss man sich heutzutage am Marketing beteiligen, selbst als Publikumsverlagsautor: Facebook, Website, Foren, &#8222;Lovelybooks&#8220;, wei\u00df der Geier. K\u00f6nnte ja sein, dass irgendwas davon zuf\u00e4llig Wirkung hat. Weil letztlich <i>keiner<\/i> wei\u00df, warum das eine Buch erfolgreich ist und das andere nicht. Alle im Verlag sind begeistert, und man ist selbst der Meinung, den weltbesten Text abgeliefert zu haben &#8211; und dann will ihn keine Sau kaufen, obwohl es tolle Besprechungen und intensives Viralmarketing gibt. Schade aber auch. Augen zu, durch &#8211; wenn der Verlag noch will. Und dann, huch!, schnellen pl\u00f6tzlich die Verkaufszahlen nach oben, f\u00fcr den vorigen Titel, der schon seit Monaten auf dem Markt ist. Was hat man da richtig gemacht &#8211; und beim Folgebuch nicht? Wo war die Besprechung, die den Nachfrageschub bewirkt hat, und wie kann man diese Erfahrung abermals nutzen? Und &#8211; stimmt diese Vermutung \u00fcberhaupt? Was, wenn die Nachfrage gleich wieder einbricht? Und warum zur verdammten H\u00f6lle gibt es meine B\u00fccher immer noch nicht in der kleinen Buchhandlung nebenan? Bei dieser Gelegenheit &#8211; warum wird dieser und jener Dreck verfilmt, aber meine B\u00fccher, die so viel besser sind, nicht?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><i>Schreiben hei\u00dft, Menschen, die man nicht kennt, etwas zu erz\u00e4hlen<\/i>. Nicht sich selbst und nicht der eigenen Familie &#8211; und auch nicht irgendeinem Trend. Schreiben bedeutet, eine eigene Welt zu bauen, die ganz allein \u00fcberleben muss, weil man ihr dabei nicht mehr helfen kann, wenn der Text gedruckt ist. Schreiben ist, alles zu sagen, was m\u00f6glich ist, und nur das, was n\u00f6tig ist. Schreiben ist nicht schreiben &#8211; sondern eben erz\u00e4hlen. Auch Leute mit Lese-Rechtschreib-Schw\u00e4che k\u00f6nnen tolle B\u00fccher schreiben, und sogar solche, die diese Fertigkeit \u00fcberhaupt nicht technisch beherrschen. Weil es eben nicht darum geht, etwas einfach nur aufzuschreiben, sondern die richtigen Worte f\u00fcr das zu finden, was man erz\u00e4hlen will. Unbedingt. Denn Schriftsteller sein hei\u00dft: Erz\u00e4hlen wollen. Jede andere Motivation f\u00fcr diesen Beruf ist die falsche.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Denkt daran.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Herzlich,<\/em><br \/>\n<em>Tom<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinweis: Dieser Text ist von 2014. Ein aktueller Text von mir zum gleichen Thema l\u00e4se sich anders. Er enthielte auch andere Beispiele als dieser, andere Begriffe als in diesem w\u00e4ren kursiv, und wiederum andere nicht oder erstmals in Anf\u00fchrungszeichen. 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