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Über eBooks

Seit ein paar Wochen tobt ein Streit im Netz, von dem „normale“ Leser möglicherweise kaum etwas mitbekommen haben. Ein Buchgestalter, der u.a. für den Suhrkamp-Verlag tätig ist, hat im Blog des Verlags einen überwiegend satirischen Text veröffentlicht, in dem er mit digitalen oder digitalisierten Romanen, gemeinhin „eBooks“ genannt, konsequent abrechnet. Der Mann, dessen Namen zuvor höchstens Brancheninsider kannten, ist in einigen Schriftsteller- und Verlagskreisen binnen kurzer Zeit zum Synonym für Technikfeindlichkeit, Rückschrittlichkeit, gar Dinosauriertum geworden. Dabei sagt er in diesem Text eigentlich nur: Ich mag eBooks nicht. Sie sind doof und hässlich, zudem sind sie mit vielen Nachteilen behaftet – und sie zerstören etwas. Ich lese lieber richtige Bücher. Ich mache lieber richtige Bücher. Der Autor hat das ziemlich eloquent und bissig getan; der Text ist wirklich lesenswert.

Vor allem in Kreisen, die den vermeintlichen Siegeszug des Elektrobuchs begrüßen und aktiv zu nutzen versuchen, hat diese Wortmeldung für einige Aufregung gesorgt. So genannte „Selbstveröffentlicher“ (neudeutsch „Selfpublisher“, das sind Autoren, die Bücher in Eigenregie publizieren) und eBook-Verlage reagierten spöttisch, zuweilen beleidigend, in fast allen Fällen aber mindestens energisch ablehnend. Was genau genommen wenig verwundert. Nicht wenige Menschen sahen sich sogar genötigt, in Blogs, bei Facebook und sonstwo seitenlange Gegenreden zu veröffentlichen, begleitet von Applaus und sarkastischen Kommentaren, die allesamt ins gleiche Horn bliesen: Das eBook ist die Zukunft, und wer etwas anderes sagt, hat mindestens keine Ahnung. Eigentlich sollte sich derjenige lieber gleich ein Grab schaufeln, idealerweise in direkter Nachbarschaft zu der Stelle, an der gedruckte Bücher begraben (sein) werden.

 

Wer Bücher einfach nur liest, den mag diese Diskussion kaum interessieren.  Tatsächlich ist sie nicht durch den oben genannten Beitrag ausgelöst worden. Das eBook ist nicht nur für die Leser eine Innovation, sondern auch und vor allem für Autoren – und ganz besonders für jene Autoren, die nicht bei Verlagen veröffentlichen können oder wollen, die das Verlagswesen für verkrustet und wenig zukunftsfähig halten. Das bereits erwähnte „Selfpublishing“, also die Veröffentlichung von Texten ohne Einbeziehung eines klassischen Verlags, boomt durch dieses Medium, denn es kostet fast nichts, Romane und Kurzgeschichten in eBook-Formaten zu publizieren, was zudem sehr viel schneller geht als der „herkömmliche“ Weg, bei dem es manchmal zwischen Manuskriptherstellung und Veröffentlichung ein, zwei Jahre, in einigen Fällen noch länger dauern kann. Bei meinem letzten Roman waren es zehn Monate.

Das Medium ist übrigens prinzipiell so neu auch wieder nicht, denn Texte auf Computern zu erstellen und zu lesen, das gehörte fast zu den ersten Dingen, die man mit Rechnern machen konnte. Aber die leichtgewichtigen eBook-Reader mit ihren energiesparenden, hochauflösenden, papierähnlichen Displays, verbunden mit der Möglichkeit, in Sekundenschnelle an Bücher zu kommen, haben diese Entwicklung auch auf Konsumentenseite ankommen lassen – mehr oder weniger. Seitdem das so ist, wird energisch über das Für und Wider elektronisch veröffentlichter Bücher diskutiert. Ein nicht ganz unwesentlicher Aspekt in dieser Diskussion ist die Tatsache, dass elektronische Texte – genau wie Musik und Filme – von selbsternannten „Piraten“ auf Downloadplattformen verteilt werden, ohne dass die Autoren oder Verlage hierfür vergütet werden (zuweilen zahlen allerdings die Konsumenten trotzdem). Der im November 2013 veröffentlichte „Gutenberg Piracy Report 3.0“ kommt zur Erkenntnis, dass auf ein legal erworbenes Elektrobuch zehn (!) illegale kommen  – und zwar hierzulande. Die Rechteinhaber erhalten also in nur einem von elf Fällen Geld für ihre Investition und Arbeit. Ob auch alle Verlage, Dienstleister und Konsumentenportale wirklich jede – kaum zu kontrollierende – Digitalkopie mit denjenigen abrechnen, die an dieser Stelle zu berücksichtigen wären, ist eine ganz andere Frage, die kaum jemand beantworten kann. Digitale Kopien sind vom Original nicht zu unterscheiden, ohne Aufwand herzustellen und praktisch nicht verfolgbar. Ob also nur hundert oder doch zehntausend Kopien eines nicht kopiergeschützten (DRM-freien) Romans verteilt und dann auch ordnungsgemäß abgerechnet worden sind, weiß lediglich der berühmte Geier. Es ist, um es mal vorsichtig auszudrücken, eine Vertrauensfrage. Die uns hier aber nur am Rande beschäftigen wird.

 

Das eBook ist enorm platzsparend und sehr schnell verfügbar. Selbst ein billiger Reader bewältigt eine große Datenmenge, so dass man im Prinzip jederzeit seine gesamte Bibliothek mit sich herumschleppen kann. Wer wie ich im Urlaub viel liest und regelmäßig beim Einchecken schwitzen muss, weil der Koffer nicht die erlaubten zwanzig Kilo, sondern einundzwanzigeinhalb wiegt (weil man vielleicht doch endlich dazu kommt, zusätzlich „Der Mann ohne Eigenschaften“, „Unendlicher Spaß“ und „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ zu lesen, was man schon seit Jahren vor sich herschiebt), weiß diesen Vorteil zu schätzen. Wer plötzlich von der letzten Seite des aktuellen Romans überrascht wird und nicht rechtzeitig für Nachschub gesorgt hat, wird auch den Vorteil zu schätzen wissen, per Klick umgehend an neues Material zu kommen. Oder wenn man soeben von einem tollen Roman gehört hat, den man unbedingt sofort lesen muss – prima. eBooks verrotten oder vergilben nicht. Man kann zig Texte parallel lesen, ohne ständig nach ihnen suchen zu müssen – so lange man weiß, wo der Reader ist. eBooks können multimediale Inhalte bieten (allerdings ist mir das noch nie in wirklich überzeugender Form begegnet), man kann sie kommentieren, ohne sie zu ruinieren, und das „social reading“ ist sicherlich auch eine absolut großartige Angelegenheit, wenn man darauf steht, sich ständig in die Lektüre quatschen zu lassen. Aus Sicht der oben bereits genannten Autoren ist natürlich genial, beliebige Texte hurtig veröffentlichen zu können, ohne mühselig bei Verlagen Klinken putzen zu müssen, ohne sich monatelange Redaktionsphasen geben zu müssen, ohne von den Vertretern oder Ausstattern kurz vor der Veröffentlichung neue Romantitel oder seltsame Cover untergejubelt zu bekommen. Ganz zu schweigen davon, dass man auf diesem Weg deutlich mehr verdient, zumindest theoretisch. Ich habe mich im Rahmen einiger Recherchen intensiv damit beschäftigt, was auf diesem Weg überwiegend auf den Markt kommt, und, ja, es sind tatsächlich recht beliebige Texte, an denen die meisten Autoren, die so verfahren, absolut nichts verdienen. Aber auch dieser Aspekt ist nicht wirklich wichtig.

 

Genug der Vorrede.

 

Denjenigen, die eBooks für wenigstens suboptimal halten, wird in aller Regel vorgehalten, dass sie die „Zeichen der Zeit“ nicht erkennen würden. Sie werden mit Maschinenstürmern und Dinosauriern verglichen. Nur der Vollständigkeit halber: Dinosaurier sind nicht ausgestorben, weil sie eine nicht mehr lebensfähige Art waren. Es gab einen verdammten Meteoriteneinschlag, der übrigens auch andere Lebensformen vom Planeten getilgt hat. Der Dinosauriervergleich ist falsch, wenn man damit sagen will, dass Größe, geringe Flexibilität oder ein irgendwie gearteter Konservatismus irgendwann ins unvermeidliche Verderben führen. Gegen Meteoriteneinschläge können auch noch so flinke Kaulquappen nichts ausrichten. Davon abgesehen gibt es in unserer Welt jede Menge „Dinosaurierstrukturen“, die Jahrhunderte, gar Jahrtausende überlebt haben und immer noch recht vital daherkommen. Dazu gehören nicht nur einige Nationen und auch Konzerne, sondern beispielsweise auch die Religionen und viele andere tradierte Verhaltensweisen, die sich einfach nicht ausmerzen lassen, obwohl sie kaum dem Zeitgeist entsprechen. Tatsächlich ist der Zeitgeist sehr viel kurzlebiger.

 

Ich bin eigentlich kein konservativer Mensch; wer meine Texte oder mich persönlich kennt, wird eher das Gegenteil vermuten. Ich halte Konservatismus aber nicht für prinzipiell schlecht, denn es geht hierbei darum, das Gute zu bewahren und das weniger Gute kritisch zu beleuchten, bevor man es akzeptiert – einfach gesagt. Der Vorwurf, konservativ zu sein, ginge mir aus diesem Blickwinkel am Rosettenhalter vorbei. Das tun allerdings, nebenbei bemerkt, die meisten Vorwürfe. Man muss sich grundsätzlich niemals vorwerfen lassen, irgendwie zu sein. Das Recht, irgendwie zu sein, hat jeder Mensch.

 

Wir leben, was kaum jemand bezweifeln dürfte, in einer Zeit, in der technische Entwicklungen rasant im Alltag ankommen, ohne dass ausreichend Gelegenheit verbleibt, sie zu hinterfragen. Tatsächlich leben wir nicht in der ersten Zeit, in der das der Fall ist, aber die Rasanz der Innovationszyklen hat die kritische Würdigung von Entwicklungen unterm Strich zu einem Ding der Unmöglichkeit gemacht. Das Netz ist zum weltumspannenden Faktum geworden, bevor überhaupt jemand verstanden hat, was die Folgen sein könnten. Vernetzung ist allgegenwärtig, der Missbrauch dieser Technologie allerdings ebenso. Das Internet hat fraglos enorme Vorteile, aber auch grandiose Nachteile, gegen die scheinbar nichts mehr zu machen ist, weil das Internet gelebte Realität ist (was in meinen Ohren nach einem Oxymoron klingt). Tatsächlich aber ist, glücklicherweise, auch in dieser Sache noch nicht das letzte Wort gesprochen.

 

So, dann kommen wir mal zum eBook zurück.

Ich halte, um ehrlich zu sein, schon den Begriff für falsch, denn das eBook ist kein Buch, ob man nun einen Vokal davorstellt oder nicht. Ein Buch ist mehr als nur der Text (der oben genannte Blogautor hat auf den originellen Begriff „Content“ verwiesen), der darin enthalten ist. Richtiger hielte ich Begriffe wie „eNovel“ oder „eText“, obwohl ich Fußnägelfäule bekomme, wenn ich sie ausspreche. Tatsächlich aber muss man wohl Termini erfinden, wenn es um derartige Medienwechsel geht – schließlich wird ja auch vom Hörbuch gesprochen (obwohl es eigentlich ein Sprechbuch ist). Die Bezeichnung „eBook“ hat aufwertenden Charakter, weil sie davon ablenken soll, dass binäre Rohdaten – im Extremfall wirklich nur der Text als Sammlung von Bytes, die Buchstaben repräsentieren – im Moment des Lesens aufbereitet werden. Das eBook, wie wir es derzeit kennen, ist kein konkretes Produkt, sondern eine Chimäre, die sich unterschiedlichen Konsumenten unterschiedlich präsentiert. Umgekehrt also wird hier wirklich nur der Inhalt, der rohe Text gekauft und gelesen, meistens ergänzt um eine Grafik, die das Cover zeigt, fertig. Was, zugegeben, auch bedeutet, dass sich Leser mit Sehschwäche große Schriftarten einstellen können, und das ist eine prima Angelegenheit, wenn die Brille verlegt hat oder das Augenlasern zu teuer ist. In der Konsequenz wäre übrigens wünschenswert, wenn sich Menschen mit Sehschwäche im Auto einstellen könnten, in welcher Vergrößerung die Realität um sie herum dargestellt wird. Nein, ich mache mich nicht über Menschen mit Behinderungen lustig. Ich hinterfrage lediglich ein Argument.

 

Diese Rohheit des vermeintlichen Endprodukts stört mich. Wenn ich eBooks lese, was ich tatsächlich manchmal mache (im Urlaub und wenn es den Roman nicht als gedruckte Fassung gibt), kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, ein halbgares, unfertiges, beliebiges Produkt zu konsumieren. Dieser Aspekt gehört zu den gefühlten, subjektiven Nachteilen dieser Technik, weshalb er nicht diskursfähig ist; möglicherweise hat er mit Konservatismus zu tun. Viele andere Aspekte, die diesem Bereich entstammen, sind schon häufig genannt worden. Es gibt weitere, die in Graubereiche fallen: eBook-Bibliotheken sind unübersichtlich (da geht es ihnen wie den Fotosammlungen, die viele von uns auf ihren Rechnern horten, ohne je die Zeit zu finden, die Spreu vom Weizen zu trennen und/oder Ordnung zu schaffen). Mit dem Reader ist erstmal die gesamte Bibliothek weg, falls er gestohlen wird oder verloren geht. Mit eBook-Readern sollte man nicht am Pool die Liege reservieren, in Küchen, Badezimmern und sonstigen Feuchträumen sind sie latent gefährdet. Reader und damit eBooks brauchen Strom und funktionieren nicht mehr, wenn der Akku leer ist (gedruckte Bücher im Gegensatz zu Film- und Musikkonserven allerdings durchaus). DRM-geschützte Elektrobücher können nicht portiert werden, zuweilen ist man einem Anbieter auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, der auch noch hinterrücks die Daten kontrollieren und manipulieren kann. Die eBook-Bibliothek ist eine Datensammlung, die all die Nachteile hat, die Datensammlungen haben können. Man ist als Leser kontrollierbar und kann überwacht werden. Man kann eBooks nicht verleihen oder verschenken, und man darf es übrigens auch nicht. eBooks können gefälscht oder verändert sein. Beim Gerätewechsel muss man ganz schön aufpassen. eBooks erlauben es, Verlage und Autoren im großen Stil zu betrügen. Auch für das Bereitstellen und die Verteilung von eBooks müssen ökonomischer Aufwand und ökologisch kritikwürdige Ressourcennutzung betrieben werden.

 

Gedruckte Bücher nehmen Platz weg. Sie verstauben. Man kann in ihnen keine Volltextsuche durchführen und sie nicht miteinander verlinken. Sie sind nicht reproduzierbar, wenn man sie beschädigt hat. Sie werden mit der Zeit ein bisschen hässlicher. Es ist schwer, Kommentare wieder zu löschen, die man in ihnen angebracht hat. Bücher müssen gelagert, geliefert oder irgendwo abgeholt werden. Für Bücher muss man Bäume fällen, der Herstellungsprozess ist aufwendig. Gedruckte Bücher, die keiner kauft, müssen eingestampft werden. Bücher können ausverkauft sein. Wenn man eine Sehschwäche hat, muss man beim Lesen ein Hilfsmittel verwenden. Gedruckte Bücher können beim Lesen keine Musik ab-/einspielen, Wikipedia-Einträge zu einem Fremdwort einblenden, und wenn man einem anderen Menschen, der das gleiche Buch liest, mitteilen will, an welcher Stelle man gerade ist und was man davon hält, muss man einen ziemlich Aufwand betreiben. Ein Buch, das auf Nichtgefallen stößt, muss man verschenken, zur Mülltonne oder ins Antiquariat bringen.

 

Ein gedrucktes Buch wird selten gestohlen. Es ist authentisch.  Es wirbt für sich als Produkt, verleiht dem enthaltenen Text eine Wertigkeit, die es vermitteln kann. Ein Buch verbindet textuelle mit visueller Ästhetik. Ein Buch hat ein Wesen. Es funktioniert für sich, ganz ohne Hilfsmittel, völlig unkontrollierbar vom Hersteller oder Lieferanten. Es verrät beim Lesen nichts über mich. Ein Buch ist intim. Es kann nur sehr aufwendig kopiert werden. Es sieht immer gleich aus, nämlich so, wie Autor und Verlag das wollten. Man kann es verleihen, verschenken, verlieren, verdammen und verflucht gut finden. Ein Buch ist das physische Filtrat der vielen Arbeit, die nötig war, um es zum Buch zu machen. Ein Buch ist ein Erlebnis. Es wird zum Bestandteil meines Lebensraums, wenn ich es ins Regal stelle, wo ich es jederzeit sehen, darin blättern, mich erinnern kann. Ein Buch zeigt mir, nicht nur ein beliebiger Text zu sein, sondern etwas, an dessen Qualität mehrere Menschen glauben. Das gedruckte Buch repräsentiert auch – wenigstens teilweise – einen Wert. All das kann ein eBook-Reader höchstens simulieren, aber meistens gelingt es ihm nicht.

 

Ein Verwandter von mir ist an 200 Tagen des Jahres unterwegs. Bis vor ein paar Monaten hat er sich in letzter Sekunde in mäßig sortierten Flughafenbuchhandlungen mit Lektüre eingedeckt. Ein Freund von mir war nie begeisterter Leser, weil er meist ratlos in Buchhandlungen stand, selten die richtigen Titel fand. Seit beide eBook-Reader besitzen, lesen sie häufiger, verschwenden kaum noch Zeit mit Romanen, die sich nach ein paar Seiten als eher blöd herausstellen; mein Verwandter findet auch unterwegs neue Titel, sogar im Flugzeug, mitten über dem Atlantik, dank WLAN in der Businessklasse bei Lufthansa. Geil.

Und unstrittig.

Übrigens lesen beide überwiegend Bestsellerlisten-Gebrauchsliteratur.

 

Als Leser betrachte ich eBooks auf genau diese Weise – ich mag sie nicht, aber sie manchmal sind praktisch (bei meinem iPad beispielsweise ist es genau umgekehrt). Es ist nicht das gleiche, einen gedruckten Roman in den Händen zu halten oder auf einem Reader durch aufbereitete Daten zu scrollen. Ich finde das eine – kurz gesagt – angenehmer als das andere, wähle das andere jedoch zuweilen aus ganz pragmatischen Erwägungen heraus. Die Angelegenheit hat zwar auch eine emotionale – meinetwegen sogar konservative – Komponente, aber gibt drastische Unterschiede etwa zum bereits mehrfach erfolgten Medienwechsel im Musikbereich. Konservierte Musik kommt überhaupt nicht ohne Abspielgerät aus, gedruckte Texte tun dies durchaus. Der Übergang zur Musikdigitalisierung hat die Qualität im heimischen Bereich gravierend ansteigen lassen, obwohl einige Puristen immer noch behaupten, damals, auf ihren schweineteuren High-End-Anlagen, hätten sich Vinylschallplatten viel besser angehört. Das mag sogar stimmen, aber nach dem dreißigsten Abspielen waren sie dafür auch im Eimer, und Vinyl im Auto oder beim Joggen ist ganz schrecklich unpraktisch. Allein, konservierte Musik erlebt ihre Audioreinkarnation einzig durch die vorhandenen Abspielgeräte, wobei das Hörerlebnis direkt von der Qualität dieser Geräte abhängt. Gedruckte Bücher machen in einem feudalen Schloss genau den gleichen Eindruck wie in einer verwahrlosten Sozialbauwohnung am Rand von … Jena. Und zwar ganz ohne Strom. Und sie sind einfach schöner als eBooks.

 

Dieser Argumentation kann man folgen oder ihr widersprechen. Man kann auch nach China fahren, um ein paar Getreidesäcke umzuwerfen. Soll doch jeder die Form wählen, die ihm am besten gefällt. Richtig.

 

Warum also dieser Streit?

 

Er hat, kurz zusammengefasst, zwei Hintergründe. Der eine lässt den Vergleich zur Musikindustrie wiederum zu: eBooks lassen sich leicht vervielfältigen, was selbst für DRM-geschützte Elektrobücher gilt, wenn man höheres technisches Verständnis als eine gemeine Hausratte hat. Autoren und Verlage werden – genau wie Musiker und Plattenfirmen – im großen Stil betrogen, was zwar bislang vor allem die in Bestsellerlisten vertretenen Titel betrifft, wahrscheinlich aber über kurz oder lang auch die Zweite-/Dritte-/Amateur-Liga-Autoren erreichen wird. Die Digitalisierung ist aus Sicht der Hersteller also in erster Linie ein Rückschritt. Zwar fallen einige logistische Komponenten weg (Druck, Lagerhaltung, Auslieferung, Präsenzbuchhandel), aber auch die ökonomische Kontrolle über das Produkt ist dahin, während man bei jedem einzelnen gedruckten Buch verfolgen kann, ob und wo es verkauft wurde oder nicht. Man verdient vor dem Hintergrund der aktuellen Preisgestaltung zwar ein paar Cent mehr als am gedruckten Buch, aber das wird von der Piraterie in einem Haps wieder aufgefressen. Sonstige Vorteile hat das eBook aus dieser Perspektive nicht. Auch hier muss im Vorfeld lektoriert und ausgestattet werden, und selbst der Satz fällt an, wenn auch in etwas geringerem Maß. Natürlich kostet das einzelne verkaufte eBook fast nichts mehr in der Herstellung (weil es nicht existiert), da einfach nur Daten kopiert werden müssen, aber es entsteht durch illegale Kopien dennoch ein Schaden in Form von verlorengegangenen, ergo fehlenden Einnahmen (und übrigens kostet ein Taschenbuch mit hoher Auflage in der Herstellung auch nur ein paar Cent). Einige Schlaumeier meinen, man könne dem beikommen, indem man die eBook-Preise deutlich senkt oder eBooks kostenlos zum gedruckten Buch dazugibt, aber ich meine, dass man nicht klaut, weil der Preis der legalen Version zu hoch ist, sondern weil die illegale Version einfach nichts kostet. Nichts ist immer weniger als etwas. Außerdem ist der Diebstahl faktisch risikolos. Der Vergleich zur Musikindustrie hinkt allerdings an einer wesentlichen Stelle: Musikkonserven konsumiert man in aller Regel häufiger, Bücher werden meistens nur einmal gelesen. Während also Musikdiebe möglicherweise irgendwann eine legale Kopie nachkaufen, werden das Leute, die einen geklauten Roman gelesen haben, nur ausnahmsweise tun. Und während Musiker möglicherweise einen Teil der Verluste durch Auftritte ausgleichen können, so sie eine Form von Musik produzieren, die sich live reproduzieren lässt, werden Mittelfeld-Autoren für fünf oder sechs Lesungen pro Jahr gebucht, wenn sie Glück haben. Dem Verlust steht also nichts gegenüber. Originelle Geschäftsmodelle wie so genannte „Kultur-Flatrates“ sind, wie alle Pauschalangebote, Betrug am Normalnutzer, und bei denjenigen, die die Bücher geschrieben haben, kommt davon sowieso nichts an.

Aus Autoren- und Verlagssicht sind eBooks also nichts weiter als eine Katastrophe. Deshalb geben sich viele Verlage zurückhaltend, was diese Entwicklung anbetrifft. Die Preise für eBooks liegen in der Nähe der Preise für gedruckte Fassungen, um nur wenige Anreize zu bieten, die Elektroversion zu kaufen. Einige Verlage verzichten vorläufig noch völlig auf dieses Segment. Einige Autoren – durchaus auch namhafte – haben versucht, eBook-Fassungen ihrer Bücher zu untersagen.

 

Ganz anders stellt sich das dar, wenn man einen kleinen eBook-Verlag betreibt oder als Autor seine Bücher selbst auf diesem Weg herausgibt, was praktisch ohne finanziellen Aufwand möglich ist. Aus Sicht dieser Leute sind eBooks eine sensationelle Entwicklung, von der sie sich inständig wünschen, sie würde sich noch weiter verstärken, denn diese Menschen glauben, dann würden sich auch ihre Bücher besser verkaufen. Aus dieser Gruppe stammen die Stimmen, die wütend und energisch auf entsprechende Kampfschriften reagieren. Was natürlich verständlich ist.

Nichtsdestotrotz ist die Annahme, die dahintersteht, wahrscheinlich falsch.

 

Es ist sehr aufwendig, ein Buch herzustellen. Zehn-, hunderttausende Autoren „bewerben“ sich jährlich bei den Verlagen mit ihren Ergüssen, und einer von tausend schafft es. Das ist keine sehr prickelnde Quote, aber dennoch sieht der deutsche Markt Jahr für Jahr gut 100.000 belletristische Neuerscheinungen, davon ein Gutteil aus der Feder deutscher Autoren. Ungefähr tausend Mal so viele Exemplare werden gekauft, Fensterkreuz mal Pi 100.000.000 Stück (Einhundertmillionen oder eine Zehntelmilliarde) – pro Jahr. Das klingt viel, aber das meiste davon sind so genannte „Backlist-Titel“, also lange vorher publiziert worden – die Leute kaufen nämlich keineswegs nur Neuerscheinungen. Es sind also nur wenige hundert Exemplare, die theoretisch je Titel abgehen, und die Anzahl der verkauften Bücher steigt nicht mit der Anzahl der Neuerscheinungen. Tatsächlich verkaufen sich einige Veröffentlichungen sehr gut (richtig – diejenigen, die es auf die Bestsellerlisten schaffen) – und die meisten anderen kaum. Viele fast überhaupt nicht. Anders gesagt: Eigentlich braucht der Markt diese große Anzahl Neuerscheinungen nicht. Sie werden trotzdem publiziert, weil man erstens Bestseller nur selten vorhersagen kann und es zweitens selbst den Verlagen auch um Vielfalt geht. Bestseller finanzieren beispielsweise anspruchsvolle Literatur mit niedrigen Auflagen.

Von den 999 abgelehnten Autoren wiederum sind mindestens 900 nicht so gut, um es mal vorsichtig zu sagen. Einige sind vielleicht zu eigenwillig für die Publikumsverlage, liegen thematisch neben allen Trends, wären zwar gut, aber zu uninteressant für ein großes Publikum usw. usf.

 

Diesen Autoren – und fraglos auch anderen, die zwar Verlagskandidaten wären, diesen Weg aber nicht gehen wollen – bietet das eBook die Chance, trotzdem Leser zu erreichen. Es hat zudem den Vorteil, dass es ohne zeitlichen Vorlauf auf den Markt geworfen werden kann. Im Extremfall tippt man „Ende“ unter ein Manuskript und lädt es noch am gleichen Tag in die Publikationsplattform. eBooks müssen auch keine Mindestlänge haben, wohingegen sich Verlage nur ausnahmsweise dazu hinreißen lassen, Texte zu veröffentlichen, die weniger als 200 Seiten umfassen. Miniserien, Kurzgeschichten, Kommentarsammlungen, Sachtexte, sogar Lyrik – eBooks bieten die Spielwiese, auf der man eine Menge ausprobieren kann (auf der allerdings die Konkurrenz kostenloser Web-Angebote groß ist). Erotik als Elektrobuch hat auch für Leser Vorteile, wenn er denn diese Erotik in der Öffentlichkeit lesen möchte, ohne zu verraten, was da geschmökert wird. Und der Lebensabschnittspartner erfährt es auch nicht. Erotische eBooks (die meistens sind nicht wirklich erotisch) sind folgerichtig überdurchschnittlich erfolgreich, selbst von absolut unbekannten Autoren. Aber es gibt auch andere Genres, die ein paar Schriftsteller gewinnbringend mit reinen Elektropublikationen beackert haben. Das liegt nicht zuletzt auch daran, dass Amazon diesen Bereich intensiv fördert, um die Marktführerposition zu halten. Der Versandriese unterstützt einige eBook-Selbstveröffentlicher mit großem Aufwand. Er ist in diesem Bereich Quasi-Monopolist.

 

Das Gros der Leute, die eBook-Selbstpublikationen nutzen, gehört zu den magischen 900. Sie wissen das natürlich nicht oder wollen es nicht wissen, aber sie hauen da im Minutenrhythmus ganz unglaublichen Schrott raus. Um hier gegenzusteuern und mit dem eigenen Angebot nicht unterzugehen, gründen die anderen eBook-Autoren Verlage (!) oder Gruppen, die Qualitätssiegel verleihen. Und sie versuchen natürlich alles, um Leser davon zu überzeugen, das Medium zu wählen, in der Hoffnung, mit der Menge der eBook-Leser auch eine größere Aufmerksamkeit für die eigenen Produkte zu erzeugen. Aus diesem Grund sprechen sie auch unaufhörlich von Dinosauriern, Ewiggestrigen, Zeichen-der-Zeit-Nichterkennern und so weiter. Sie wünschen sich, eine selbsterfüllende Prophezeiung auszusprechen.

 

Deshalb diese energische Diskussion. Die interessant ist und Spaß macht, viel mehr aber auch nicht. Den Leser interessiert sie kaum. Er wird sich anschauen, was es gibt, es ausprobieren, und sein Verhalten entsprechend anpassen – oder auch nicht. Er wird das nach einer Weile wiederholen. Oder auch nicht. Sehr viele Menschen – die Mehrheit – lesen sowieso nur ein, zwei, drei Bücher im Jahr.

 

Dieses Entweder-Oder hat also wenig Sinn. Sinnvoll wäre es, an den Nachteilen der Innovation zu arbeiten. Um anschließend abzuwarten, wie sich die Konsumenten verhalten werden. Die sich nicht von solchen Disputen irritieren lassen sollten (was sie sehr wahrscheinlich auch nicht tun). Man trifft keine unmoralische Entscheidung, wenn man ein eBook oder ein gedrucktes Buch kauft. Die trifft man nur, wenn man das eine oder andere klaut. Was bitte zu unterlassen ist. Danke.

„Selfpublishing“

„Selfpublishing“ (also „Selbstveröffentlichung“) ist das aktuelle Schlagwort, wenn es um Alternativen zum vermeintlich verkrusteten Verlagswesen geht. Systematiken wie Amazons „Kindle Direct Publishing“ (KDP) gestatteten es nicht nur neuen Autoren, ihre Texte – von der Kurzgeschichte bis zum vielbändigen Roman – kostenlos und in kurzer Zeit zu veröffentlichen, was derzeit sehr, sehr viele Autoren tun, und ein paar von ihnen verblüffend erfolgreich. Warum ich diese Möglichkeiten dennoch kritisch sehe, erläutere ich in einem Beitrag im „Literaturcafé“, der seit seinem Erscheinen vor knapp zehn Tagen bereits mit über 50 Kommentaren versehen wurde. Die Antwort auf diese Kommentare folgt in den nächsten Tagen. Hier geht’s zum – etwas provokanten – Beitrag:

Tom Liehr: »Selfpublishing ist keine Alternative – und erst recht kein Allheilmittel«

Der Streit ums Urheberrecht, Folge 2839 (geschätzt)

Die Situation grenzt ans Absurde. Atemlos eilt der technische Fortschritt voran, eröffnet neue Möglichkeiten – für den Gebrauch, aber auch für den Missbrauch. Das ist bei jeder Entwicklung immanent; so gut wie alles, das sich Menschen ausgedacht haben, kann man so oder so nutzen. Ein Brotmesser ist ein hilfreiches Haushaltsgerät, mit dem man anderen jedoch auch gehörigen Schaden zufügen kann, sogar vorsätzlich, aber das sollte man natürlich nicht tun. Das verstößt nicht nur gegen Gesetze, sondern auch gegen die ungeschriebenen Regeln des menschlichen Zusammenseins, die wir unter dem Begriff „Zivilisation“ zusammenfassen.

Vor ein paar Tagen schwappten irre Zahlen aus den Staaten herüber: Fünfundzwanzig Millionen Mal war die neueste Staffel einer HBO-Fernsehserie illegal „gedownloadet“ worden, „Spiegel online“ titelte: „Wer nicht verkauft, wird halt beklaut.“ Dem stand eine Einschaltquote von vier Millionen bei der kostenpflichtigen Erstausstrahlung gegenüber – sechs Mal so viele Leute konnten und wollten die legale Verfügbarkeit nicht abwarten und enteigneten einfach. Die Ursache, gar Schuld hierfür wird aber nicht bei jenen gesucht, sondern bei der Produktionsfirma, die ein begründungsloses „Recht“ der Downloader ignorierte und nicht rechtzeitig ihrer „Pflicht“ nachkam, deren „Bedürfnisse“ zu befriedigen. Wenn Du keinen Sex mit mir willst, …

Parallel nimmt die Diskussion über Kulturklau und -verfügbarkeit immer irrere Züge an. Die Parteien peitschen sich Unterschriftenlisten um die Ohren, bedrohen einander, sondern im Stundenrhythmus Kommentare, Blogeinträge, Kampfschriften und Manifeste ab. Von der Öffentlichkeit bestenfalls am Rande wahrgenommen, tobt augenscheinlich ein erbitterter Streit, in dessen Zentrum etwas steht, mit dem Otto Normalbürger bis in die späten Neunziger so gut wie nie konfrontiert wurde: Das Urheberrecht. Das Internet hat diesem Recht zu neuer Relevanz verholfen, denn nirgendwo sonst und zu keiner anderen Zeit war es verletzlicher.

Das Urheberrecht ist ein Bürgerrecht, das fast in Augenhöhe neben dem Eigentumsrecht steht, also jenem Recht, das den Besitz materieller Güter schützt. Das Recht, materielle Güter zu behalten, die wir legal erworben haben, steht – jedenfalls vorläufig noch – felsenfest, wohingegen die jüngere zivilisatorische Errungenschaft, die Geistesleistungen schützt, und die Grundlage nicht nur für kommerzielle Kunst und Unterhaltung ist, leichthin zur Disposition gestellt wird. Das kommt einem Rückfall in die Zeit vor der Aufklärung gleich, als Kreative nichtswürdig waren und allein materieller Reichtum zählte, Kreativität aber kaum etwas, wenn man nicht das seltene Glück hatte, über einen Mäzen zu verfügen.

Viele, die ungefragt oder erbeten mitdiskutieren, scheinen nicht zu wissen, wozu dieses Recht eigentlich gut ist und was es besagt. Einfach ausgedrückt: Der Schöpfer eines konkreten (in diesem Fall künstlerischen) Werkes darf allein darüber entscheiden, was mit diesem Werk geschieht. Mit „konkretes Werk“ ist eine Geistesleistung gemeint, die eine gewisse Schöpfungshöhe erreicht, sich also von anderen und vom Allgemeingut abhebt; das Urheberrecht schützt keine Ideen, keine Aussagen und auch nicht „Wissen“, wie viele pseudoeloquent behaupten. Es schützt beispielsweise auch nicht Plot und Setting eines Romans, sondern nur diesen speziellen Roman – insgesamt und auszugsweise. Das Urheberrecht ist nicht, wie sogar manch ein Nachwuchsautor meint, übertragbar und kann auch nicht veräußert werden; es ist an die Persönlichkeit des Urhebers gebunden. Im Gegensatz zum materiellen Eigentumsrecht endet es jedoch 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers; seine Werke werden nach dieser Schutzfrist „gemeinfrei“, können also weitergegeben werden, ohne jemanden hierfür zu vergüten, aber umschreiben oder als eigene Werke ausgeben darf man sie auch dann nicht. Diese Verjährung soll gewährleisten, dass kulturelle Leistungen, die so bedeutend waren, dass sie selbst Jahrzehnte nach dem Tod des Schöpfers noch interessant sind, auch der Allgemeinheit zur Verfügung stehen und also Bestandteil des kulturellen Erbes einer Gesellschaft werden.

Das Urheberrecht ist also dafür da, immaterielles Eigentum zu sichern. Das betrifft nicht nur „Kunst“ und Unterhaltung, sondern auch viele andere Bereiche, von der Architektur über das Design und die konkrete Inszenierung eines Theaterstücks bis zur Softwareentwicklung. Woran jemand lange und intensiv gearbeitet hat, um schließlich eine eigenständige, kreative Schöpfung zu präsentieren, das gehört ihm auch. Er besitzt fraglos auch die Freiheit, auf die hiermit verbundenen Rechte zu verzichten, was nicht wenige regelmäßig tun, aber im Normalfall schützt das Urheberrecht eben jene Arbeit und ihr Ergebnis. Dass das Urheberrecht auch vieles mitschützt, an dessen Schutz nicht einmal der Urheber selbst interessiert ist (etwa Privatfotos), ist ein Randproblem, das aber nichts rechtfertigt.

Dieses Ergebnis nun lässt sich heutzutage in vielen Fällen durch Daten repräsentieren, was vor allem für Texte, Musik, Fotos, Filme und Software gilt. Digitale Daten verfügen über den Vorteil, beliebig oft reproduzierbar zu sein, ohne dass ein qualitativer Verlust entsteht. Dieser Vorteil wird von jenen, die „im Internet“ – beabsichtigt oder nicht – Rechtsbrüche begehen, weidlich genutzt. Der Vorgang ist mit keinem oder nur sehr geringem Aufwand verbunden, und die Struktur des weltweiten Netzes, dessen Designschwächen sich nicht nur an dieser Stelle zeigen, lässt bisher zu, dass derlei überwiegend ungestraft geschehen kann. Daraus wird in der aktuellen Diskussion häufig das „Recht“ abgeleitet, dies eben auch zu tun. Als Begründung hierfür muss herhalten, dass es einerseits sehr leicht ist, zweitens von vielen praktiziert wird und drittens praktisch kaum zu ahnden ist, ohne wesentliche Strukturen zu ändern. Manch ein Zeitgenosse gießt das sogar in ein originelles, überaus egoistisches „Bürgerrecht auf Vervielfältigung“, obwohl es genau das Gegenteil davon ist, nämlich der Bruch eines Bürgerrechts. Hiervon abgesehen ist es ein mehr als halbseidenes, tendentiell jedoch asoziales Argument, den Bruch von Rechten legalisieren zu wollen, nur weil sie im speziellen Fall so schwierig zu gewährleisten sind. Es macht zivilisierte Gesellschaften aus, Rechte anderer auch dann zu achten, wenn der Verstoß gegen sie leicht und nahezu gefahrlos ist. Würden wir alle den dieser Argumentation zugrundeliegenden Gedanken verinnerlichen, wären wir von einer äußerst bedrohlichen Vorform der Anarchie nicht mehr weit entfernt.

Das amerikanische Pendant zum deutschen Urheberrecht heißt Copyright – das Recht, zu kopieren. Vor der Installation des Urheberrechts waren Künstler, die keine Unikate hergestellt haben, auf das Wohlwollen der Feudalherren angewiesen, aber die Möglichkeit, von der konkreten Leistung zu profitieren, hatte letztlich jeder andere. Aus diesem Vasallentum wurden sie mit der revolutionären Idee, immaterielles Eigentum dem materiellen nahezu gleichzustellen, befreit, und diese Entwicklung ist längst nicht nur die Grundlage der gesamten Gegenwartskultur und der Unterhaltungsindustrie. Das Urheberrecht betrifft nicht nur Musik, Prosa und Filme, sondern weit mehr; es betrifft beinahe jedes Gewerbe, das etwas entwickelt.

Ein Künstler, der ein reproduzierbares Werk hergestellt hat, profitiert hiervon, indem er dieses Recht, zu kopieren, allein wahrnehmen oder andere mit der Wahrnehmung beauftragen kann. Ein Text an und für sich hat noch keinen Wert, vor allem keinen materiellen – dieser entsteht erst durch die Verwertung. Vieles, was an Kunst so hergestellt wird, erreicht diese Verwertungsphase nie, was manchmal bedauerlich, meistens aber ein wirksamer Schutz der Konsumenten vor noch mehr Unsinn ist. Während also jemand, der ein Haus gebaut oder ein Auto gekauft hat, auf einen materiellen Wert verweisen kann, der sich jederzeit berechnen, aber auch wieder zu Geld machen lässt, generieren urheberrechtlich geschützte Werke ihren Wert erst über die verkauften Kopien, und zwar jede einzelne davon. Das mag in originellen Sonderfällen, wenn Künstler quasi über Nacht Milliardäre werden, ein wenig ungerecht erscheinen, im Normalfall aber verdienen die vielen Hunderttausend frei Kulturschaffenden kaum mehr als ein angestellter Facharbeiter – in vielen Fällen jedoch weit weniger (was übrigens nicht an der „bösen Verwertungsindustrie“ liegt, sondern hauptsächlich daran, dass das Angebot die Nachfrage bei weitem übersteigt).

Dieser Tatsache begegnen jene, die die Abschaffung oder wenigstens Aufweichung des Urheberrechts fordern, mit originellen, scheinbar futuristischen „Geschäftsmodellen“, von denen jedes weitere noch absonderlicher ist als das vorige. So skizzierte ein taz-Kolumnist kürzlich (am 9.5.2012) eine Art Schneeballsystem, ohne seinen haarsträubenden Rechenfehler zu bemerken oder bemerken zu wollen, während andere darauf verweisen, dass einige Bands die freien Downloads ihrer Alben durchaus durch „Spenden“ gegenfinanziert hätten, und außerdem wäre jeder Künstler doch wohl dazu in der Lage, etwaige Ausfälle durch Live-Auftritte zu kompensieren. Verkürzt gesagt: Ich klaue Dir Dein Auto, lasse Dir aber einen Metallblock da, aus dem Du mit etwas gutem Willen ein neues bauen könntest. Jeder, der solche Geschäftsmodelle propagiert, mag sie in leicht abgewandelter Form auf sein eigenes Erwerbsleben adaptieren – er wird, wenn er ehrlich zu sich ist, schnell zu dem Schluss kommen, dass es ein sehr ärmliches wäre, sich tendentiell aber überhaupt nicht mehr lohnen würde. Den Künstlern aber wird die Rückkehr zur sprichwörtlichen Brotlosigkeit als praktische Verneigung vor dem Zeitgeist und den Missbrauchsmöglichkeiten des technischen Fortschritts einfach so nahegelegt.

Dabei geht es bei all dem eigentlich überhaupt nicht um das Urheberrecht. Wenn etwa eine Verkürzung der Schutzfristen gefordert wird (wir erinnern uns: 70 Jahre bis zur Enteignung), was bestenfalls die Qualität eines Hebels hat, denn auch bei einer Verkürzung auf zehn oder zwanzig Jahre wäre das Interesse etwa an Lady Gagas Ergüssen längst abgeebbt, verschiebt dies den Kern der Diskussion nur weiter, um vom eigentlichen Problem abzulenken. Dass es nichts mehr zu „sharen“ gäbe, wenn die „Sharer“ mit ihren Forderungen erfolgreich wären, wissen diese letztlich selbst (am Rande – Begriffe wie „Tausch“ – ich gebe meines weg, bekomme dafür deines – und „Sharing“, also „Teilung“ – die Menge bleibt gleich und verringert sich für den Einzelnen mit jeder Teilung – sind irreführend und falsch; im Internet gibt es weder Tausch, noch Teilung, sondern immer nur Multiplikation). Ausgangspunkt der gesamten Debatte sind tatsächlich die Ideen für eine verbesserte Kontrolle und einfachere Verfolgungsmöglichkeiten, also Ansätze wie das – möglicherweise zu recht – vielgescholtene „ACTA“. Diese sollen es erlauben, gegen Urheberrechtsverstöße und illegalen Handel mit gefälschter Markenware leichter vorgehen zu können, was bisher so gut wie – aber nicht völlig – unmöglich ist. Mit der Installation dieser Systematiken (es sind Handelsabkommen), so befürchten viele, würde „das Internet“ beschnitten werden, gäbe es also Freiheiten nicht mehr, die derzeit vermeintlich existieren. Damit ist nicht notwendigerweise die „Freiheit“ gemeint, urheberrechtlich geschützte Werke nach Belieben zu kopieren, sondern eher jene, sich weitgehend anonym nach Herzenslust auszutoben. Gäbe es aber, so der Gedanke, das nicht mehr, was geschützt werden soll, müssten auch keine Mechanismen installiert werden, um es zu schützen. Bestechend einfach, aber leider sehr kurz gedacht. Die Liste der Straftaten, deren Straftatbestände man einfach abschaffen müsste, um sie auch nicht mehr „im Internet“ (oder gar außerhalb der Virtualität, was nur konsequent wäre) verfolgen zu müssen, wäre sehr lang – man muss nicht einmal Exponenten wie die Verbreitung von kinderpornografischem Material nennen. Die Naivität dieses Ansatzes hat etwas Rührendes, was nur wenige daran hindert, ihn als „neues Denken“ zu verkaufen.

 

Mal davon abgesehen, dass es, wie gesagt, alsbald kaum mehr etwas zum „Sharen“ gäbe, wäre die kommerzielle Kultur flächendeckend auf die neuen, bestenfalls im Erstanwendungsmoment funktionierenden „Geschäftsmodelle“ angewiesen, ist vor allem die Idee, etwas zu legalisieren, das bis dato illegal ist, aber vermeintlich jeder tut (auch das ist eine weitgehend unbewiesene Behauptung, wovon im Rahmen dieser Diskussion hunderte verwendet werden), eben grundfalsch. Wenn man sich im PKW fortbewegt, gewinnt man den Eindruck, nahezu jeder andere Fahrzeuglenker würde die Geschwindigkeitsbegrenzungen missachten, aber dieser Eindruck ist erstens ein persönlicher (!), zweitens wahrscheinlich unrichtig und drittens vor allem keine sinnvolle Begründung dafür, einfach alle Geschwindigkeitsbegrenzungen abzuschaffen. Gesellschaften funktionieren nicht, indem man jeden Einzelnen jederzeit – etwa durch permanente Überwachung – dazu zwingt, die Regeln einzuhalten und den Anderen zu achten, sondern dadurch, dass die Menschen begreifen, dass diese Regeln zum Schutz da sind – durchaus auch zum eigenen Schutz. Adaptiert auf die Kopiersituation im Netz bedeutet das: Es mag sinnvoll sein, die Kontrolle zu intensivieren, aber zuvorderst muss die Sensibilität dafür erhöht werden, dass man Schaden anrichtet – Schaden, der irgendwann auch auf einen selbst zurückfällt. Denn das Urheberrecht ist nicht nur (eigentlich überhaupt nicht) der Garant für Künstler, einen kurzen Moment des Musenkusses in wahnwitzigen Reichtum zu verwandeln, sondern nicht weniger als das Fundament unserer gesamten Gegenwartskultur.

 

Also, Leute. Benutzt das Brotmesser, um Euch leckere Stullen zu schmieren. Und lasst es einfach ansonsten in der Küchenschublade. Es gibt so viel kostenlose und/oder gemeinfreie Kultur, dass man mehrere hundert Leben bräuchte, um all das zu konsumieren. Ja, es ist ärgerlich, wenn es etwas Brandneues gibt, von dem man auch noch glaubt, es unbedingt und um jeden Preis sofort haben zu wollen. Aber erstens muss man das nicht wirklich – und außerdem ist das Brandneue morgen auch noch großartig, wenn man legal rankommt und damit zugleich gewährleistet, dass es übermorgen mehr Brandneues gibt.

Buchpremiere – Lesung & Party

Buchpremiere „Sommerhit“ am 16. Juli 2011, ab 20.00 Uhr im „Lange Nacht“, Weisestraße 8, 12049 Berlin-Neukölln (U-Bahnhof Boddinstraße).

Eintritt frei. Nach der Lesung legt DJ Colin auf.

Ich freue mich auf Euch!

Herzlich,

Tom

Das wird lustig!

TREFFEN DER POPTITANEN: Uschmann, Sachau, Krauleidis und Liehr lesen in Berlin!

Vier Jungsbuch-Literaten schweifen ab

Am 16. Februar kommt es in Berlin zu einem Treffen der Jungsbuch-Titanen. Die „Popliteraten“ Oliver Uschmann („Hartmut und ich“, „Feindesland“), Matthias Sachau („Schief gewickelt“, „Wir tun es für Geld“), Raymund Krauleidis („Schmoltke & ich“, „Schmoltke – all inclusive“) und Tom Liehr („Idiotentest“, „Pauschaltourist“) lesen erstmals zusammen auf einer Bühne – und diskutieren zwischendrin u.a. die Frage, was sie eigentlich gemeinsam haben.

Das wird sicher eine kurzweilige und sehr originelle Veranstaltung!

Am 16. Februar, Einlass 20.00 Uhr, Beginn ca. 21.00 Uhr
„Monarch“, Skalitzer Straße 134, 10999 Berlin, http://www.kottimonarch.de

Eintritt 15 € (AK), VVK 12 € (z.B. hier: www.koka36.de)

Kommt alle!

Herzlich,

Tom

Und hier das offizielle Plakat:

Warum werde ich nicht veröffentlicht? Oder: Die große Manuskriptverschickung

Im August und September 2010 ist im Literaturcafé eine fünfteilige Serie von mir erschienen, in der es um die Gründe dafür ging, warum von den vielen, vielen Manuskripten, die an die großen Verlage geschickt werden, nur so wenige erscheinen.

Hier die einzelnen Teile der Beitragsreihe:
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Nachtrag und Antwort auf die Kommentare

Dazu habe ich auch noch etwas zu sagen

Eine Stellungnahme

Im Februar 2010 wurden gleich zwei deutsche Autoren dabei ertappt, für Ihre literarischen Debüts das geistige Eigentum anderer missbraucht zu haben. Während der eine, der Fall von Helene Hegemann, für gehöriges Medienecho sorgte, weil ihr Roman „Axolotl Roadkill“ (Ullstein) zu diesem Zeitpunkt weit vorn auf den Bestsellerlisten stand und von der Kritik als „der Coming-of-age-Roman der Nullerjahre“ gefeiert wurde, interessierten sich für den zweiten fast nur Insider: Jens Lindner hatte für seinen Krimi „Döner for one“ (Piper) bei Janet Evanovich abgeschrieben. Hegemanns Bestseller blieb auf dem Markt, wurde gar für den Buchpreis der Leipziger Messe nominiert; Jens Lindners Erstling hingegen wurde sofort aus dem Sortiment genommen und vermutlich sogar makuliert, also eingestampft.

Im Rahmen eines Interview erzählte mir ein Lektor eines Berliner Verlags, er bekäme pro Tag im Durchschnitt fünfzehn unverlangt eingesandte Romanmanuskripte auf den Schreibtisch, also über das gesamte Arbeitsjahr hinweg mehr als 3.500 – und der Mann hat noch ein paar Kollegen im Haus. Dieses gehört zu jenen größeren Verlagen, die sich experimentierfreudig zeigen und hin und wieder Debüts veröffentlichen; drei, vier, manchmal ein halbes Dutzend pro Jahr. Andere Häuser halten sich in diesem Bereich eher zurück, die „ganz großen literarischen Namen“ noch stärker, und selbst die riesige Randomhouse-Gruppe bringt mit jedem Programm seiner Imprints nur eine Handvoll Neulinge auf den Markt. Dem steht ein Turm aus fast einer Drittelmillion Manuskripte gegenüber, die jährlich unverlangt an die Verlage geschickt werden, Tendenz steigend. Die Chancen, aus diesem Haufen erwählt zu werden, um bei einem großen Publikumsverlag zu reüssieren, liegen bei weniger als einem Promille. Allerdings handelt es sich keineswegs um eine Art Lotterie: Auch die größeren Verlage sind durchaus auf der Suche nach neuen Talenten, nach frischem Stoff, nach vermarktbaren Titeln, die nicht für enorme Lizenzgebühren vom ausländischen Markt eingekauft werden müssen. Das Angebot demgegenüber besteht zum größten Teil aus ungenießbarem, egozentrischem Mist, schlecht geschrieben, epigonenhaft, langweilig, uninteressant – oder alles zugleich. Vorsichtig geschätzt genügen mehr als neunzig Prozent der durch die Weltgeschichte geschickten Manuskripte nicht im Entferntesten den Anforderungen an einen publikationsreifen Roman. Diese gewaltige Menge Schrottprosa verstellt allerdings auch jenen den Zugang, die etwas zu bieten haben. Warum die anderen hoffen, jemand würde sich für ihre zergurkten Lebensgeschichten interessieren, ist ein Mysterium.

Jens Lindner war deshalb hocherfreut, als der Piper-Verlag Interesse bekundete. Es war sein letzter Versuch nach vielen gescheiterten, erklärt er in einer Stellungnahme, die im Online-Angebot des Branchen-Fachblatts „Der Buchmarkt“ erschien: Er hatte Evanovichs Roman – teilweise fast wörtlich – „als Grundgerüst“ benutzt, war verblüfft ob der positiven Reaktion erst der Agentur und dann des Verlags, erwartete aber nach wie vor, dass es nicht zum gedruckten Buch käme, weil das einfach der wahrscheinlichere Fall war. Als dann doch die Zusage eintrudelte, ging „auch der letzte Rest Vernunft den Bach runter“, und Lindner, der nicht dazu in der Lage war, kurzfristig eine Eigenleistung abzuliefern, hoffte auf das Unmögliche: Dass ihm niemand auf die Schliche käme. Vor zwanzig, dreißig Jahren wäre er vielleicht noch damit durchgekommen, jedenfalls für ein paar Monate oder Jahre, aber das Internet-Zeitalter lässt auch Laien zu Detektiven werden. Ein Rezensent bei Amazon deckte die „Parallelen“ auf, der Verlag reagierte rasch und zog den Titel zurück, Lindner ist gebrandmarkt. Es steht zu vermuten, dass seine Chancen, jetzt noch einen Roman unter eigenem Namen zu veröffentlichen, geringer sind als diejenigen, ein Axolotl mit einem Dönertier zu kreuzen. Darüber hinaus sind Schadenersatzforderungen des Verlags möglich, und sogar ein Verfahren wegen Betruges. Die Verletzung des Urheberrechts stellt zwar an und für sich noch keinen Straftatbestand dar, aber da der Autor – so, wie es üblich ist – im Verlagsvertrag zugesichert haben dürfte, alleiniger Urheber des vorgelegten Textes zu sein, wäre spätestens hiermit einer denkbar. Der Schwanz der Ratte, auf der Lindner in die Bestsellersphären zu reiten gedachte, kann noch sehr, sehr lang werden.

Ganz anders der Fall Hegemann. Die siebzehnjährige Tochter eines bekannten Dramaturgen informierte ihren Verlag zwar brav darüber, ein Zitat von David Foster Wallace benutzt zu haben, verschwieg aber ihre sonstigen Anleihen, darunter viele Passagen aus einem Roman mit dem Titel „Strobo“ (Airen, SuKuLTuR) und einen als Brief genutzten, übersetzten Songtext einer britischen Rockgruppe („Fuck You“ von Archive – Nomen est omen). Während sich Ullstein bemühte, rasch die nachträgliche Genehmigung des kleinen Verlags einzuholen, der die Rechte am Original hielt, und die englischen Musiker ein wenig in Vergessenheit gerieten, trat die junge Autorin eine obskure Vorneverteidigung an und verkaufte ihr Vorgehen als symbolisch für die Cut&Paste-Generation, schwadronierte kokett-eloquent von „Intertextualität“ und bezeichnete ihren eigenen Text in Anlehnung an die DJ-Szene als „Remix“. Reue oder Rückzugsgedanken waren weder bei der Autorin, noch beim Verlag zu erkennen, was wenig wundert, handelte es sich doch um einen veritablen Bestseller, von dem anzunehmen war, dass der Skandal seinen Verkauf weiter vorantreiben würde. Immerhin rümpfte das Feuilleton, das den Roman zuvor als bahnbrechend gefeiert hatte, fast unisono die Nase, und das Buch verlor seinen Spitzenplatz in den Verkaufslisten. Zeitgleich stieg die Nachfrage für „Strobo“ so rapide an, dass der von den Vorgängen völlig überraschte kleine Verlag nicht mehr liefern konnte.

In Zeiten, da jährlich mehrere zehntausend Neuerscheinungen auf den deutschsprachigen Belletristikmarkt drängen, hat sich die Anzahl tatsächlich origineller Romane auf einen homöopathischen Anteil verringert. Sobald auch nur der Hauch eines neuen Trends abzusehen ist, stürzen sich sämtliche Verlagshäuser darauf, derzeit sind es Vampirromane (dieser Hype klingt allerdings glücklicherweise langsam ab), kurz vorher bestimmten noch historische Romane, die keine waren, die Programme. Ansonsten herrscht Ideendürre, wie auch beim Film: Es werden Remakes produziert oder belanglose Fünfziger-Jahre-Comics verfilmt, das restliche Angebot besteht aus simpler Effekthascherei und dem krampfartigem Hochwürgen von längst Verdautem – selbst die früher mal kongenialen Coen-Brüder („Fargo“, „The Big Lebowski“) drehen sich im Kreis.

Ein Verlag, der in dieser Situation etwas wirklich Neues entdeckt, hat das Potential, Feudalherrscher der Prosamonarchie zu werden, wenigstens vorübergehend, wie vor zwei Jahren Dumont mit dem millionenfach verkauften Analfissur-Märchen „Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche, in dessen kurzlebiger Tradition Hegemanns „Axolotl Roadkill“ steht. Ansonsten werden frischwärts Ideen abgekupfert; Camerons 3D-Alien-Indianer-Abenteuer „Avatar“ bediente sich u.a. bei Karl May, und die meisten belletristischen Neuerscheinungen lassen sich ohne viel Federlesens auf einen der berühmten zehn bis zwanzig Masterplots reduzieren. Unerreichbare Liebe, Rettung der Welt oder eines Teils davon durch einen Underdog, die klassische Verwechslungskomödie, das Entwicklungsromanschema nach Goethes Wilhelm Meister und so weiter.

Ideenklau oder -recycling aber ist kein Plagiat und davon abgesehen so gut wie unumgänglich. Es steht zu vermuten, dass jede Geschichte strukturell auf die eine oder andere Art bereits erzählt worden ist, weshalb es auf das Wie ankommt, und nicht so sehr auf das Was – wie der niederländische Romancier Harry Mulisch („Die Entdeckung des Himmels“, Rowohlt) erklärte. Je höher man die Abstraktionsebene ansetzt, umso ähnlicher werden sich die Plots. Selbst gewaltige Epen wie Thomas Manns „Der Zauberberg“, Robert Musils „Der Mann ohne Eigenschaften“ oder David Foster Wallaces Geniestreich „Unendlicher Spaß“ (Kiepenheuer & Witsch) lassen sich mit etwas Mühe auf ein paar Zeilen herunterbrechen, die gleichzeitig den Inhalt anderer Werke grob zusammenfassen würden.

Doch auch im Detail finden sich Ähnlichkeiten, ohne dass Absicht zu vermuten wäre. Fast schon ein Klassiker der modernen Unterhaltung ist die Geschichte von jemandem, der nach durchfeierter Nacht in der Suite eines Hotels in Las Vegas aufwacht und neben sich einen Unbekannten vorfindet, mit dem er verblüffenderweise verheiratet ist. Ein halbes Dutzend Chick-Lit-Romane bedienen sich dieser Ausgangssituation (z.B. „Vergiss es, Baby“ von Claudia Sanders, Diana-Verlag, und „Kater der Braut“ von Michaela Thewes, Bastei Lübbe-Verlag), davon abgesehen gibt es Filme mit diesem Motiv, sogar eine „Die Simpsons“-Folge nutzt es. Autoren, die eine solche Plotskizze wiederverwerten, mögen sich für fehlende Originalität schelten lassen, aber sie sind keine Plagiatoren. Ganz im Gegenteil bieten diese Standardplots sogar die Chance, vermeintlich ausgetretene Wege zu renovieren. Für den Leser entsteht bei derlei nicht selten ein größeres Vergnügen als bei zwanghaft um Eigenartigkeit bemühter, schwer verkopfter Institutsprosa.

Ideen sind nicht geschützt, in dieser Hinsicht ähneln sich die Urheberrechtsbestimmungen weltweit. Die amerikanische Erfolgsautorin Stephenie Meyer („Twilight“, deutsch: „Bis(s) zum Morgengrauen“, Carlsen) mag das als bedauerlich empfinden, lieferte doch ihre Saga von der hirntauben Collegetusse, die sich in einen schnieken Vampir verguckt, die Steilvorlage für eine ganze Garnison von Nachahmern. Das Motiv fand sich jedenfalls in den Jahren 2008 und 2009 in mehreren hundert Büchern wieder, die von den Verlagen auf den Markt geschleudert wurden, um auch ein paar Krumen vom Twilight-Kuchen abzubekommen. Eine ähnliche, aber auf den deutschsprachigen Raum beschränkte Entwicklung löste das Allgäuer Autorenduo Klüpfl/Kobr (u.a. „Milchgeld“, Piper) mit ihren Regionalkrimis aus, die zwar keineswegs eine neue Erfindung darstellten, aber eine Welle von Epigonen auf den Markt spülten. Inzwischen finden sich in den Programmen fast aller Publikumsverlage solche Kriminalromane, die in irgendeiner beschaulichen Region spielen und deren Protagonisten mittags lokale Delikatessen mampfen. Seit dem Erfolg der Peter-Jackson-Verfilmung von J. R. R. Tolkiens „Der Herr der Ringe“ (Klett-Cotta) haben ganze Autoren-Hundertschaften die Völker von Mittelerde in neue Abenteuer gestürzt, nicht selten über vielbändige Serien hinweg. Das mag der eine oder andere Hobbit-Purist als fast schon ketzerisch empfunden haben, aber die Verkaufszahlen z.B. von Bernhard Hennens „Elfen“-Saga (Heyne) sprechen für sich. Fast schon obligat ist der Verweis im jeweiligen Klappentext, der Autor des Buches wäre quasi Tolkiens legitimier Erbe oder Nachfolger.

Bücher unterscheiden sich dadurch voneinander, dass Schriftsteller jene paar Dutzend Standardgeschichten in ihren jeweils eigenen Worten erzählen. Und genau hier setzt das Urheberrecht an, denn es schützt nicht Metaelemente wie Struktur und Dramaturgie oder Bestandteile wie Personal und Schauplätze, sondern die Umsetzung, also die schöpferische Leistung im Detail. Oder, einfacher gesagt, den Text selbst, insofern er sich durch Einzig- und Eigenartigkeit auszeichnet. Darüber hinausgehender Schutz etwa für die Erfindung eines kleinen, großfüßigen Volks namens „Hobbits“, das in runden Höhlen lebt, gutes Essen und Pfeifentabak bevorzugt, muss über Marken- und Gebrauchsmusteranmeldungen gesondert erwirkt werden.

Des Plagiats macht sich also schuldig, wer Formulierungen übernimmt, und zwar solche, die abseits der üblichen Phrasen („Ich liebe Dich“, „Du, ich Dich auch“) als Ergebnis eines kreativen Prozesses erkennbar sind; in diesem Zusammenhang ist häufig von „Schöpfungshöhe“ die Rede, für deren genaue Definition sogar der Bundesgerichtshof walten musste. Diese kann schon bei einzelnen Sätzen („Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“), sobald sie besonders prägnant sind, erreicht sein, prinzipiell aber erst dann, wenn die Eigenständigkeit tatsächlich erkennbar wird, auch im Zusammenhang. Es dürfte kaum zu einem Skandal führen, wenn zwei Autoren unabhängig voneinander Sentenzen wie „Die Sonne glühte am Horizont und ließ das Meer feurig glitzern“ nutzen, vor allem, wenn diese Autoren so genannte Nackenbeißer für die Frauen in den Wartezimmern von Gynäkologen verfassen. Sobald sich markante Ähnlichkeiten aber häufen – auch, nein gerade in leicht abgewandelter Form -, liegt die Vermutung nahe, dass geklaut wurde. Und genau das war bei Lindner und Hegemann der Fall.

Nun gut, mag man anmerken – ein Roman besteht aus sechzigtausendlangsam Wörtern, was scheren da schon ein paar Dutzend, die man „ausgeliehen“ hat? Ist es nicht sogar eine besondere Form der Anerkennung, wenn ein Autor die Worte eines anderen benutzt, weil der viel besser gesagt hat, was der Textdieb auszudrücken wünscht? Und stellt Cut & Paste nicht ein immanentes Verhalten der Netzgeneration dar, also die Nutzung desselben beim Schreiben eine Verarbeitung gegenwärtiger Strömungen? Hat sich die Remix-Kultur nicht während der letzten Jahrzehnte zu einem wesentlichen Bestandteil wenigstens der Musikszene entwickelt?

Mit Verlaub: Kinderkacke. Das ist alles Gewäsch, um davon abzulenken, dass die Leistung anderer als eigene ausgegeben wurde.

Aber von vorne:

Airen, der Verfasser von „Strobo“, der Vorlage zu „Axolotl Roadkill“, hat in einem Interview mit der F.A.Z. angemerkt, Hegemanns Roman wäre auch ohne die Anleihen gut (gewesen). Offenbar sah das die Autorin anders, hielt ihr Werk ohne die abgekupferten Szenen für weniger nachhaltig, spannend oder unterhaltsam – zumeist kapriziert sie sich in ihren öffentlichen Äußerungen auf den letzten Aspekt. Insgesamt handelt es sich um ein gutes Dutzend Abschnitte, die wie im frühen Kindesalter getrennte eineiige Zwillinge anmuten. Bei einem Roman, der einige hundert Seiten umfasst, ist das zweifelsohne vergleichsweise wenig, aber die Menge spielt grundsätzlich keine Rolle. Auch wenn ein Autor die Zitate in einem mehrere tausend Seiten langen Text versteckt, sind es doch Schöpfungen anderer, die er als die eigenen verkauft – als Bestandteil seines Manuskripts. Nebenbei bemerkt geht es nicht nur um den Entstehungsweg, sondern letztlich auch um ein Geschäft: Schriftsteller verdienen mit ihren Büchern Geld (übrigens im Normalfall weit weniger, als man glauben sollte). Da bei einem Verkaufserfolg kaum auszumachen ist, warum Leser ein Werk besonders mochten oder nicht, stellt eine Komposition aus fremden Versatzstücken auch immer einen finanziellen Betrug am Schöpfer derselben dar. Außerdem ist nicht ganz unwesentlich, wie zitiert wird. Popliteraten kommen kaum mehr ohne die Songzeile als Kapitelüberschrift aus, viele Schriftsteller stellen ihren Prologen weise Zitate aus sehr schlauen Quellen voran – wie Frau Hegemann übrigens auch. Hierbei handelt es sich um Referenzen, die einen Kontext liefern, um Verweise, die helfen, die Prämisse des Autors einzuordnen. Diese werden zwar zu einem Teil des Buches, aber für jedermann erkennbar nicht zu einem Teil des eigentlichen Werkes. Lindner und Hegemann demgegenüber haben einfach die Suppe aufgewärmt, die ein anderer vorher gekocht hatte. Die Zitate verweisen nicht auf eine Fremdleistung, sondern entsprechen ihr.

Ob ein Autor es als Anerkennung empfindet, wenn bei ihm geklaut wird, muss er selbst entscheiden, aber die meisten, bei denen das ohne vorherige Nachfrage geschieht – wie in den beiden hier genannten Fällen -, dürften nicht gerade Freudentänze aufführen. Dies umso mehr, wenn die Vorlage nur bescheiden erfolgreich war, der sich bedienende Schriftsteller also erkennen ließ, dass er ob der geringen Verbreitung des Originals schlicht darauf hoffte, nicht ertappt zu werden. Eigentlich aber ist auch das unwesentlich, denn es gibt einen simplen Weg, um die Arbeit des Originals anzuerkennen und gleichzeitig zu nutzen: Man holt die Erlaubnis ein. Im Rubrum des Romans steht dann: Auszüge aus Soundso mit freundlicher Genehmigung von Demunddem, fertig. Der Verlag zahlt ein paar Euro für die Abdruckrechte. Eine vernünftige Erklärung dafür, dies zu unterlassen, gibt es nicht, sondern lediglich die naheliegende: Man hat es getan, weil man es als Eigenleistung ausgeben wollte.

Cut & Paste, ja, ja. Das Internet wird von vielen Menschen als rechtsfreier Raum wahrgenommen, was sich nicht nur darin zeigt, dass manch einer alle Benimmregeln sausen lässt und als Troll durch die Netzwelt wütet. Trotz der Abmahnwellen, die seit Jahren durch die Republik schwappen, nutzen viele auf ihren persönlichen Websites und in Blogs Fotos und Texte, die sie einfach von irgendwo übernommen haben, ohne dass dies vom Urheber gestattet worden wäre. Ist ja öffentlich und kostenlos zugänglich, sagen sie sich, und kopieren den Krempel einfach in die eigene Heimseite. Die meisten werden nie erwischt, weil nur wenige Rechteinhaber überhaupt auf die Idee kommen, man könnte bei ihnen gestohlen haben – oder sie wissen selbst nicht, dass dies eine Verletzung ihrer Rechte darstellt. Als Avatare (Erkennungsbildchen) in Internet-Foren werden fast durch die Bank Grafiken verwendet, die man irgendwo gezogen hat, und dass fremde Texte – z.B. in den Online-Angeboten der Zeitungen vorgefundene Artikel – als Bestandteil von eigenen Meinungsäußerungen nicht einfach einkopiert, sondern bestenfalls verlinkt werden dürfen, interessiert augenscheinlich niemanden. Angesichts der überwältigenden Menge solcher Urheberrechtsverletzungen gehen offenbar die meisten Netzbenutzer davon aus, dass dies statthaft wäre oder zumindest geduldet würde, aber das ist keineswegs der Fall. Außerdem bleiben Täter in Foren normalerweise anonym, weshalb dann die Betreiber in die Haftung genommen werden, und wenn die Angebote auch noch auf ausländischen Servern liegen, wird die Verfolgung schwierig. Das gilt fast generell für Rechtsverletzungen im Internet, wie langwierige und teilweise ziemlich idiotische Debatten und Regelungsansätze etwa zur Verbreitung von Kinderpornographie zeigen. Die unglaubliche Datenmenge und die fast im Sekundenrhythmus neu entstehenden Web-Angebote machen es zudem wahnsinnig schwer, solche Verstöße auch nur zu finden. Ein leicht umgestellter Text oder eine nachbearbeitete Grafik lässt sich automatisiert praktisch nicht mehr orten. Bei Lindner und Hegemann waren es folgerichtig auch Einzelpersonen, die zufällig Quelle und Ergebnis kannten – und die Übereinstimmungen veröffentlichten.

Dieses Ausschneiden und (Ein)Kopieren stellt also tatsächlich einen Zustand dar, einen Aspekt der Internet-Kommunikation, aber der Vergleich steht insgesamt auf tönernen Füßen, denn beides ist unrechtmäßig. Außerdem handelt es sich auch für Deppen erkennbar um ein Scheinargument, denn ohne die Aufdeckung des Plagiats wäre diese nachgeschobene „Eigenschaft“ von Hegemanns Text für alle außer die Autorin selbst im Verborgenen geblieben. Anders gesagt: Wenn es wirklich ihre Intention war, durch diese „Intertextualität“ ein Abbild der C&P-Generation zu zeichnen, hätte sie das auch für Leser erkennbar machen müssen. Das aber ist erst geschehen, als die Quellen aufgedeckt wurden.

Die Frau lügt also.

Bleibt der Remix. Coverversionen, Remixe und Songs, die Samplings oder Dubs aus anderen enthalten, gehören schon seit Jahrzehnten zur Popmusik. Es gibt Stücke, von denen mehrere Dutzend gecoverte Fassungen existieren, Hunderttausende Remix-Alben, und die Hip-Hop-Kultur basiert größtenteils auf Samplings. Anders als in der Literatur aber wird bei Musik zwischen Komponisten und Interpreten unterschieden, und Personalunion ist nicht die Regel. Urheber- und Leistungsschutzrechte betreffen hier beides, und an jeder veröffentlichten Version eines Stückes verdienen alle mit: Diejenigen, die es komponiert haben, die, die es zuerst veröffentlicht haben, und jene, die es schließlich recyceln. Ein Wiederverwerter muss darauf peinlich achten – und natürlich alle Miturheber nennen; die Musikverlage interessieren sich brennend für Vergehen gegen diese Regelungen (sie mahnen tatsächlich sogar Betreiber privater Fansites ab, auf denen Songtexte veröffentlicht werden). Die Coverversion, der Remix, die Nutzung von Samplings stellt eine Interpretation des Stückes dar, aber auch das geschieht nicht hinterrücks. Die Neuinszenierung der schöpferischen Leistung eines anderen – also z.B. Howdy-Dowdy-Fassungen bekannter Popsongs, wie das die Berliner Band „The Boss Hoss“ präsentiert – lässt durch die damit verbundene eigene Leistung (Arrangement, Gesang, musikalische Darbietung) ein neues Werk bzw. eine neue Interpretation des Originals entstehen. Nicht selten ist die Ähnlichkeit zur Vorlage verblüffend, und manch ein Cover ist von der Ursprungsfassung überhaupt nicht zu unterscheiden, was natürlich die Vermutung nahelegt, dass die Eigenleistung, die beispielsweise „nur“ aus neuem Gesang besteht, eine reine Trittbrettfahrerei darstellt. Solange der neue Sänger aber nicht auf seine CDs druckt, er wäre selbst auch Komponist, und die Rechtmäßigkeit seines Vorgehens abgesichert hat, geht das weitgehend klar.

Romane aber besitzen nur einen Komponisten, der zugleich seine eigene Interpretation liefert, und zwar immer. Wer Bestandteile anderer Prosawerke nutzt, um sie in eigenen zu „interpretieren“, tut dies nicht wirklich, denn genau genommen komponiert er um – unter Nutzung einer Fremdkomposition. Es ist also vollkommen unsinnig, bei Literatur von „Remixen“ zu reden. Das ist lediglich ein Euphemismus für fehlende Kreativität.

Fazit: Keines der vorgetragenen Argumente ist auch nur ansatzweise haltbar. Die Plagiatoren haben geklaut und sie wollten klauen; beide hofften darauf, nicht erwischt zu werden. Alle folgenden Diskussionen und Rechtfertigungen stellen Scheingefechte dar, die von diesem Vorgang ablenken sollen. Und die Reaktion des Piper-Verlags, nämlich Lindners Buch umgehend vom Markt zu nehmen, war die einzig richtige. Auch Frau Hegemanns Traktat gehört eingestampft. Alles andere stellt einen Verrat an Literatur und Buchmarkt dar – und auch der Ullstein-Verlag sollte eigentlich daran interessiert sein, hier keine heiklen Präzendenzfälle zu schaffen, die schnell zum Bumerang werden können. Übrigens: Das Original – also Airens „Strobo“ – erscheint im Herbst abermals, und zwar ausgerechnet bei Ullstein. Eine Konstellation, für die sich ein Romanautor, würde er sie thematisieren, ob seiner vermeintlichen Weltfremdheit schelten lassen müsste.

Jeder Autor muss sich der Tatsache bewusst sein, dass seine Inspiration und seine Kreativität gelegentlich fremdgehen. Das gehört zur Natur der ganzen Übung; Kunst ist auch, sogar zu einem gehörigen Anteil Reflexion, und irgendwie sind wir alle sowieso nur Epigonen (vermutlich hat das mal ein schlauer Kopf gesagt, den ich gerade unbewusst zitiere). Der Prozess, der ein neues Werk entstehen lässt, ist auch für Schriftsteller nicht immer überschaubar, häufig sogar nicht einmal verständlich. Anders gesagt: Man weiß als Schreibender oft nicht, woher eine Idee kam, wie eine wunderbare Formulierung entstand, woraus sich der „Creative Flow“ speiste, wer oder was bei der Eingebung Pate stand. Da man als Kulturschaffender zugleich Konsument ist – und auch dringend sein sollte -, fließt die Kunst der anderen fast automatisch in die eigene ein. Unser Bewusstsein übt sich im Streichespielen und lässt uns glauben, wir wären Schöpfer, dabei sind wir meistens Wiederkäuer. Aufgrund der enormen Vielfalt und Anzahl von Eindrücken ist es schlechterdings unmöglich, zwischen reinem, edlem Musenkuss und dem fahrigen Zungenspiel einer gut besuchten Literaturprostituierten zu unterscheiden. Früher oder später stellt sich dann heraus, dass ein anderer diese vortreffliche Idee schon hatte, den prägnanten, umwerfenden Satz in ähnlicher Weise vor uns erdachte, den hinreißend neuen Plot bereits in einen Roman, eine Novelle, ein Theaterstück, einen Film, eine Kurzgeschichte gegossen hat. Wir bedienen uns jederzeit eines Reservoirs, das nur zu einem verschwindend kleinen Teil seinen Ursprung in uns selbst hat. Der Rest ist – indirekt – Zeug von anderen.

Und das ist, verdammt noch eins, auch in Ordnung. Wenn es andere waren, die unserem Werk Seele eingehaucht haben (Inspiration stammt von Spiritus: Leben, Seele, Geist), dann bleibt der Körper, in dem diese Seele wohnt, noch immer der unsrige. So, wie wir uns als Menschen formal allesamt ähnlich sind, als Individuen aber deutlich unterscheiden, erzählen unsere Geschichten auch Vergleichbares und zeigen ihre Einzigartigkeit in der Umsetzung. Fantasie, behaupten einige Philosophen, ist ohnehin eine Illusion, wenigstens aber Permutation.

Diese unbewusst geborgte Kreativität ist immanent und mit Hausmitteln kaum zu vermeiden. In der Regel bleibt sie folgenlos, weil die geliehenen Fragmente niemals als solche erkennbar werden, der „Remix“, um es mit Hegemann zu sagen, aus Millionen Samples besteht, von denen jeder nur ein paar Millisekunden lang ist. Es geschieht, davon abgesehen, ohne Vorsatz und nicht in der Absicht, abzukupfern. Außerdem ist diese „borrowed creativity“ eine Tat ohne Opfer.

Das war, um es nochmals zu betonen, bei den beiden genannten Autoren deutlich und dramatisch anders. Lindner hatte nicht irgendwann vor Jahren Evanovich gelesen und nun zufällig, ohne aktives Dazutun, einen sehr ähnlichen Roman verfasst. Und auch bei Hegemann waren es nicht im Hirn an präsenter Stelle verhaftete Stellen aus Roman und/oder Blog von „Airen“, die plötzlich ins leere Textdokument auf dem Laptop-Schirm drängten. Die Herrschaften haben sich sehr bewusst und aktiv dafür entschieden, die Werke anderer Autoren teilweise zu nutzen, um das Ergebnis als eigenes Kunstwerk auszugeben, ohne in halbwegs angemessener Weise die Quellen zu nennen. Diesen Vorgang bezeichnet man nicht als Inspiration oder sonstwie euphemistisch, sondern als Plagiat, und das ist neben der Verletzung von Persönlichkeitsrechten das schlimmste, was ein Autor tun kann.